»Werden die Bände aber auch gekauft werden?« fragte Nick, seinen Gelehrtenfleiß bewundernd und in leisem Mitleid. »Gekauft? – Wohin denken Sie?« erwiderte er, nicht ohne Selbstbewußtsein. »Ich bin keiner jener armseligen Schriftsteller, die ihre Bücher gern in vielen Händen wüßten. Die ›Grundlinien‹ sind nur für Bibliotheken bestimmt, und ihre Veröffentlichung kostet ein Heidengeld. Dafür haben wir aber in Basel unsere Familienstiftung Rollenbuz.«

Hatte Nick vermutet, daß Herr Glorian heimlich ein armer Schlucker sei, so belehrten sie seine Mitteilungen über die Stiftung vom Gegenteil. Schelmisch fragte sie: »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, ohne daß Sie böse werden? Sie sind mit den Kleidern etwas schäbig dran. Wenn wir aus der Stiftung neue kauften und Ihren gesamten alten Plunder ins Armenhaus verschenkten!« »Liebes Fräulein,« erwiderte er, »diese Dinge liegen tief unter meiner Art. Wenn aber Sie an die Stiftung schreiben wollten?« »Das will ich!« rief sie; »aber werden Sie mir hinaus durch die frische Luft zu einem Schneider oder Schuhmacher folgen?« »Nein, das geht nicht,« stotterte er, »die Luft, die Kopfnerven!« und blickte sie hilflos an wie ein Kind. »Dann könnte ich ja die Handwerker hieher rufen,« meinte sie.

»Fräulein Tappoli, Wohltäterin!« rief er. »Gott hat Sie erleuchtet.« Und Glorian Rollenbuz kam zu neuen Kleidern.

Er war wieder nicht der Pfarrer, den das Städtchen bedurfte. Über seine Predigten ließ sich nicht urteilen. Der Stubenhocker sprach mit einer Flüsterstimme, die niemand verstand. Die Kirchenpflege trug aber doch Bedenken, ihn so einfach wegzuschicken wie Ferdinand Bürsteler. Sein Lebenswandel war einwandfrei, und sie wollte das Städtchen vor den Nachbargemeinden nicht in den Ruf bringen, daß es unverträglich gegen die Geistlichen sei. Wie weit ein Pfarrstreit führen konnte, dafür gab es ein Beispiel nicht fern vom Rhein. In jenem Ort hatten sich die Bürger wegen der Wahl eines Geistlichen so entzweit, daß sie ihrer Meinung über ihn auch sichtbaren Ausdruck gaben. Diejenigen, die sich seiner freuten, steckten rotangestrichene Pfähle zu ihren Reben, die Gegner aber, zum Zeichen der Trauer, schwarze. Von ferne sah man aus den Farben des Weinbergs, wie sich jeder einzelne Bürger zum Geistlichen stellte. Ein solches Kalenderstücklein durfte sich in Eglisau nicht ereignen, und man fand sich mit Glorian ab.

Es kam aber drei Sonntage nacheinander vor, daß niemand seiner unverständlichen Stimme lauschte als Frau Tappoli, Monika, der Vorsänger und der Küster. Da betrübte er sich selber, und nachdem er ein halbes Jahr lang die Leute aus der Kirche gepredigt hatte, nahm er freiwilligen Abschied von dem Städtchen. Nick tat es schier leid um den Sonderling.

Und wiederum erschien ein Verweser. Der sang aber so laut und falsch, daß sich der Vorsänger beleidigt von den Gottesdiensten zurückzog. Nick rettete den Gemeindegesang, indem sie den jungen Geistlichen bat, sich auf das Predigen zu beschränken, und führte mit ihrer hellen Stimme selber die Kirchenlieder an.

Im Verkehr mit den mancherlei Verwesern erweiterte sie ihre jugendliche Menschenkenntnis, und in der Bemutterung der Käuze, deren jeder an einer anderen menschlichen Unvollkommenheit litt, überwand sie die herbe Trauer um den zu früh verstorbenen Vater.


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