Aber nicht nur stehen diese beiden mit einander in innerem Zusammenhang, sondern sie spinnen auch den Faden, weiter, der sich bereits durch die erste Hauptmasse zieht. Faust d.h. der geniale, hochstrebende Mensch gerät mit seinem Lebens- und Schaffensdrang in Widerstreit mit den Schranken seiner Natur; er begehrt von jenem erfüllt das Unmögliche und wird überall abgewiesen. In den beiden folgenden Scenen kämpft nun der schöpferische Geist des Dichters, den er nicht nur Faust, sondern sogar dem Teufel gegeben hat, gegen das Unschöpferische, Unfruchthare, Leblose an. Dem gleichen Geiste sind demnach die erste Hauptmasse und die Wagner- und Schülerscene entsprungen. Wir drücken den Kern ihres Inhalts so aus: Das Schöpferische im Menschen d.h. das Göttliche im Widerstreit mit den Grenzen seiner menschlichen Natur (1. Monolog u. Erdgeistscene; vergl. auch Werther.)—Das Schöpferische im Kampf mit dem Unschöpferischen, das, insofern es anmaßlich alles erfüllt, dem Genialen auch eine Art Schranke errichtet, die es zwar mit leichter Mühe niederreißt, die aber ebenso rasch wieder hergestellt wird. (Wagner- u. Schülerscene.)
Seuffert a.a.O. S. 342.
Treffend bemerkt Schiller in dem Br. vom 26. Juni 1797: »Der Teufel behält durch seinen Realism vor dem Verstand, und der Faust vor dem Herzen recht.« Darauf Goethe am nächsten Tage: »So werden wohl Verstand und Vernunft, wie zwei Klopffechter, sich grimmig herumschlagen, um abends zusammen freundschaftlich auszuruhen.«—Man vergl. auch Hebbels Wort: Gott teilt sich nur dem Gefühl, nicht dem Verstande mit; dieser ist sein Widersacher, weil er ihn nicht erfassen kann. Das weist dem Verstande den Rang an. (Tagebücher 1. S. 109.)