zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum Untergehen am 15. August 3 Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter 45° nördlicher Breite 3′ 9″ bezw. 3′ 6″.
Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, — offenbar, weil bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt werden kann.
Das Meeresleuchten kann Abends den aufmerksamen Beobachter stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche, bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an dem Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.
Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des Meereshorizontes und findet zu seinem Staunen, dass der Halbmesser nur 5–6 Seemeilen beträgt.[35] Wie ein Kind freut sich jeder, der zum ersten Mal die Kugelgestalt der Erde sich selbst vorbeweist, indem er zunächst den Schornstein, und später, bei grösserer Annäherung, den Rumpf eines fahrenden Dampfers erblickt.
Zu den Spielkarten brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. Ich verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte Kartenspieler, namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind. Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.
Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. Himmel und Hölle, doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10–15 Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)
Von Erlebnissen oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu melden. Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, nur kleine weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, aber doch freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der röthlich schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit denen ich so oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut hatte, so dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete Kentuckyer über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir die gute Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August tönte das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. In der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland ist immer Nebel. An diesem Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8. August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber. Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann, der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt, der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.
Dienstag, den 9. August, kam der Lootse an Bord. Er fährt in seinem Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene See und kreuzt dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das Lootsengeschäft ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss Tiefgang des Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr Fahrwasser kennen. Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die Leitung des Schiffes und erleichtert dem Capitän die Verantwortung für den Rest der Fahrt. Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, wenn der gewandte Mann die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, mit denen er die Taschen vollgestopft hat, werden ihm schleunigst abgenommen, namentlich von den Neulingen, welche möglichst rasch Nachrichten von dem Weltgetriebe, dem sie für 6 Tage entrückt waren, zu erhalten streben. Aber sehr bald legen sie enttäuscht die Blätter wieder fort; dieselben enthalten nichts Neues; wenige Stunden nach unserer Abfahrt war der Lootse von New-York abgesegelt.
Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen? Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach dem Ausgang der Jachtwettfahrten.
Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24, auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein vortreffliches Doppelfernrohr[36], das bisher edleren Zwecken gedient, wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen. Hierbei ereignete sich ein spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet, dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“, sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“ war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston kommen.