Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns einigermassen mit der Geschichte dieser gewaltigen Eisenbahn vertraut zu machen.

Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean zu bauen, war lange Zeit hindurch der patriotische Traum einzelner canadischer Männer. Es wurde eine politische Nothwendigkeit, nachdem im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika zum Dominion Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 Millionen Einwohnern) sich vereinigt hatten.

Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an eine Gesellschaft übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean 3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.

Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.[42] Dies ist wenigstens die Ansicht der Canadier, während die eifersüchtigen Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und Geringschätzung auf Canada herabblicken.

Von der gewaltigen Hauptstadt New-York, wo der vaterländische Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem Tagdampfer[43] stromaufwärts auf dem Hudson-Fluss bis Albany, der Hauptstadt des Staates New-York.

Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild dieses unvergleichlichen Hafens von New-York und die Stadt selber mit ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, Madison Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin das Landschaftsbild des majestätischen Hudsonflusses, den man in diesem Lande den Rhein von Amerika nennt und in dem üblichen Superlativ-Stil nicht bloss zu den grössten Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern Rhein zu erheben pflegt.[44]

Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich, die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.

Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt, dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter stromaufwärts man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese Stadt, 143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der Gezeiten.

Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge[45] vorbeisausen, links (westlich) die Pallisaden, säulenartig gegliederte, bis 300 Fuss hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); rechts (östlich), Yonkers, eine der ältesten Ansiedelungen im Hudsonthal; und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s Sunnyside, der ehemalige Wohnsitz des Dichters Washington Irving, weiter das berüchtigte Zuchthaus Sing-Sing, und endlich Crotonpoint, von wo New-York sein Trink-Wasser bezieht.