„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,

Der Himalaya steht im Abendscheine

Und aus der Nacht der Banianenhaine

Die Elephantenheerde stürzt und brüllt —“

Wann Benares (Waranasi) gegründet worden, wie die Schicksale der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das ungeschichtlichste Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. Von dieser Zeit herrschten Mohammedaner über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem herrscht jetzt der Dienst des Schiwa, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl — nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligen Treppen (ghats), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.