800 Fuss über dem Thal entspringt eine warme Schwefelquelle.[55] Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus[56] sind Krücken angenagelt mit ruhmrednerischen Heilberichten, — ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen Wallfahrts-Orten unserer Tage.

Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer Höhle des Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.

In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain, der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal abfällt, nach dem Teufels-See[57] und befährt diesen auf einem ganz kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen, nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.

Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein Schlafwagen wird abgehängt.

Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön. (Im Eisenbahnbuch steht: 1. „Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ — Das ist so die Geschäftssprache der neuen Welt.)

Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.

Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.[58] Zwei kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte. Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss, bezw. in den pacifischen Ocean.

Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst Stephen sowohl die Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass, wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt, umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.

Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon, wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss. Tunnel sind nur sparsam und kurz.