War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen? Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines Stallknechtes und Jockeys würdig waren.
Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse.
Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und Krukenverschliesser.
Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten.
Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen Katholizismus anerkennen dürfen.
Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte, konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde.
Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten.
„Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!“ murmelte der Herzog mit einem schmerzlichen Seufzer; „man müsste die Augen schliessen können, sich durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von oben bis unten erschüttert haben.“
„Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die Physiologen,“ seufzte er, „die den Katholizismus niederreissen; es sind die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten Überzeugungen ausrotten können.
Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: ‚Die Fälschungen der sakramentalen Substanzen‘ unumstösslich zu beweisen, dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?“