Was ist ein Jahr vor Dir? „Tausend Jahre sind vor Dir dem gestrigen Tage gleich, der schnell vorüberzog.“ Was aber ist ein Jahr vor mir? Ein großes Stück meines Lebens. „Denn uns'rer Jahre hohe Zahl ist siebenzig, und ausgezeichnet ist's, wenn deren achtzig werden.“ Darum gleitet die Stunde des Jahreswechsels dem denkenden Sinne nicht unbeachtet vorüber, und der wache Geist vernimmt den Zuruf: Steh' still, Wanderer, auf der Lebensbahn, steh' still und schaue um dich!
Und so richte ich denn meinen Blick zurück auf die Tage des verflossenen Jahres. Mancher von ihnen ist hingegangen, und er ragt nicht hervor aus der Reihe der übrigen, seine Ereignisse sind meinem Gedächtnisse entschwunden; mancher hingegen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt und einen bleibenden Denkstein hingestellt auf den Pfad meiner Erinnerung; alle haben wie die Glieder einer Kette sich an einander gereihet, die abgelaufen ist von dem Rade meines Erdenwandels. Wiederum habe ich den Ernst des Lebens mehr erkannt, und neue Änderungen sind eingetreten in meinem Streben und in meinen Neigungen, neue Spuren der Erfahrung haben sich eingegraben auf die Tafel meiner Weltanschauung. Und hervorgegangen aus allen diesen Veränderungen ist mehr und mehr das Bewußtsein, daß es nur ein Glück gibt auf Erden, das des Ringens und Strebens würdig ist, das ist ein friedliches Gewissen, ein reines Gemüt, das freien Mutes hintreten kann vor Dich, seinen Schöpfer.
Viel des Guten habe ich erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres. Unausgesetzt hat die Liebe der Meinigen mein Herz erquickt, oft habe ich mich des Abends zur Ruhe gelegt mit dem süßen Gefühle erfüllter Pflicht, oft ist mir die Gelegenheit geworden, das Herz meines Nebenmenschen zu erfreuen, oft habe ich mit Freuden beobachtet, wie das ganze Menschengeschlecht fortschreitet auf der Bahn der Erkenntnis und der Einsicht, oft genug habe ich mit Stolz es wahrgenommen, wie mein Volk, das Haus Israels, seine Fähigkeit offenbart und seine Bestimmung nicht verleugnet, voranzuleuchten als Licht des Glaubens und der Gotteslehre allen Völkern auf der Erde. All diese Freuden aber sind Dein Werk, all diese Süßigkeiten sind ein Ausfluß Deiner Liebe.
Viel des Trüben habe ich auch erfahren in den Tagen des verflossenen Jahres. Ach, nicht immer war mein Haupt frei von Sorge, mein Herz frei von Kummer! Oft trat die Gefahr an mich heran, die grimmig die Hand ausstreckt, die Zufriedenheit, die Freude und viele andere Schätze des Lebens mir zu rauben. Oft sah ich Leid um mich her und konnte es nicht beseitigen, oft sah ich Bosheit an meiner Seite und konnte ihren Weg nicht hemmen, oft sah ich Not bei meinen Nebenmenschen und konnte sie nicht lindern, oft sah ich auch das Gebäude meiner eigenen Hoffnungen in Trümmer sinken, und noch öfter erkannte ich die Torheit meiner Wünsche und vermochte nicht, sie zu bannen. Alles aber hast Du, mein Gott, so gewollt und durch Deine Gnade hast Du mich erhalten, daß ich jetzt am Schlusse des Jahres, auch für diese Prüfung Dir danken kann.
Und so richte ich meinen Blick nun auch auf die Tage des Jahres, die da kommen sollen. Doch was ich schaue, ist nichts als ein dichter Nebel, mit dem Deine Allweisheit den Blick des Menschen verschleiert, daß er die Zukunft nicht durchdringe, und dieser Nebel der Unwissenheit lehrt uns mehr als alle Betrachtung der sichtbaren Dinge, daß wir Dir allein unterworfen sind, Dir allein unser Schicksal anheimstellen müssen und nur das eine Recht besitzen, in inbrünstigem Gebete zu Dir das Heil für uns zu erflehen.
Darum bitte auch ich Dich, mein gütiger, himmlischer Vater, jetzt am Beginne des Jahres um Deine Gnade für mich in den Tagen des Jahres.
O Herr, mein Gott! gib meinem Geiste Einsicht und meinem Herzen den Willen, das Gute zu finden und die Tugend zu üben. Erhalte mir die Gesundheit des Leibes und der Seele, sei mit den Meinigen allen und laß täglich Deine Liebe an uns offenbar werden, schütze uns vor Gefahren und halte die Versuchung von uns ferne. Vergib uns unsere Sünden und begnadige uns mit einer milden Gesinnung, daß auch wir Nachsicht üben mit den Fehlern unserer Nebenmenschen.
Auf Dich will ich hoffen, Dir will ich vertrauen, Du warst mein Beschützer und Leiter bis zu dieser Stunde, Du wirst es auch ferner sein, mein Gott und Vater! Amen!
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