Gebet vor dem Schofarblasen.
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Wiederum ist die kurze, ernste und feierliche Spanne Zeit uns gegenwärtig, die in den Tönen des Schofars uns verkünden wird, daß Du, o Gott, der Weltenkönig bist von Ewigkeit bis in Ewigkeit, daß Du, o Gott, der Richter bist, der alle Wesen vor seinen Thron fordert, damit ihr Urteil ihnen werde, daß Du, o Gott, der Lehrer bist, der mit Donnerstimme am Sinai den Weg verkündiget hat, der zur Wahrheit führt.
Noch schweigt das Horn, und feierliche Stille vergönnt mir einen Augenblick der Sammlung, daß ich die Kräfte meines Geistes und die Empfindungen meines Herzens alle wach rufe, um jene erhabenen Gedanken zu fassen.
Ja, aufraffen will ich mich und erheben im Gebete zu Dir, und niederbeugen will ich mich zum Staube vor Dir, und hinwenden will ich alle meine Gedanken zu Dir, mein König, mein Richter, mein Lehrer!
Gott, Du allein bist König in Ewigkeit. Was ist irdische Macht, was ist menschliche Größe? Die Erde nicht und nicht der Himmel und nicht des Himmels Himmel und nicht der Raum des Weltalls, den die Gedanken des Sterblichen begreifen, umfassen den Abglanz Deiner Herrlichkeit. Nicht Dein Befehl ist's, dem die Welten dienen, nicht Dein Wort ist's, dem die Heere des Himmels gehorchen, Dein Willen ist's allein. Wo ist ein Willen, der dem Deinem trotzt? Wo ist ein Wirken, daß nicht Du geordnet? Wo ist ein Raum, und er wäre nicht im Gebiete Deiner Macht? Wo ist ein Anfang, der vor Dir war? wo ist ein Ende, das hinausreicht über Deine Dauer? Raum und Zeit sind nicht vor Dir vorhanden. Ja Du, Gott, allein bist der Allmächtige, Du allein bist König, Du allein regierst, Du hast regiert und wirst regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Gott, Du allein bist Richter! Laß ab, mein Geist, von dem vergeblichen Streben, die Größe des Erhabenen zu erkennen; kehre zurück zur kleinen Erde und preise Gott als den, der auch das Kleine schauet! Ja, Deiner Allwissenheit ist nichts verborgen. Du kennst die Wesen alle und ihr Tun, Du kennst auch mich. Vor Dir ist meine Seele offenbar, und die Gedanken meines Herzens sind bekannt. Fern bist Du mir und unerreichbar, wenn ich meinen Blick hinaussende in Deine weite Welt; aber nahe bist Du mir und fühlbar, wenn ich ihn in mein Inneres richte. Wenn die Begierden in mir streiten, wenn die Tugend mit der Sünde in mir um die Herrschaft kämpfen, dann empfinde ich es, daß ich verantwortlich bin für meine Taten, daß ich die Freiheit des Willens nicht erhalten habe zum Dienste der Leidenschaft, sondern als Waffe gegen sie, auf daß ich bestehe vor dem prüfenden Auge des Richters. Mein Richter aber bist Du, Dein Urteilsspruch ist mein Schicksal. O richte mich, mein Gott! Richte mich nach Deiner Gnade und nicht nach meinem Verdienste.
Gott, Du allein bist Lehrer. Wollte ich auch mit der besten Kraft des Willens meine Tugend einrichten nach meiner Weisheit, so würde ich im Finstern wandeln. Du aber hast das nicht gewollt. Du hast den Weg des Verdienstes mir vorgezeichnet in Deiner heiligen Lehre. Du hast den Menschen Deinen Willen kund getan am Sinai. Dein Willen sei mein Gesetz! Deine Lehre sei meine Weisheit!
So möge denn das Horn ertönen, es wird mich vorbereitet finden, seine Sprache zu verstehen. Fremdartig und wunderbar erklingt es vor meinem Ohre, wie der Widerhall aus ferner, alter Zeit, als wollte es von den Wundern erzählen, die Gott in grauer Vorzeit meinen Vätern erwiesen, und dennoch spricht es zu uns und zu allen Geschlechtern in der verständlichen Zunge gegenwärtiger Zeit: Erwache, Menschengeist, erwache! Erhebe Dich, Menschenherz, erhebe Dich! Es ruft Dich Gott! er ist Dir nahe. Bringe Huldigung dem Könige, bringe Bekenntnis dem Richter, bringe Dank und Ehrfurcht dem erhabenen Lehrer. Herbei! Herbei! es ist der Tag des Herrn! Amen!
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns geheiligt hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast zu vernehmen die Stimme des Schofars!