Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.

Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind, wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen, darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und Abrundung.

Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch den Versöhnungstag das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und unseren Leistungen aus.

Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung nicht verdienen können?

Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben. Das ist die erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.

Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst, denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein verlorener Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.

Der verstockte Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der gebrochene Sünder. Er hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt, wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus jener Welt verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden dieser Welt genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „Ich vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst.

Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das Verlangen nach Versöhnung und den Glauben an sie offen aussprechen.

Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich vergebe, wenn du bekennst. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.

Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken, noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses nicht bedarf, so doch für uns. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen entschlüpft. Nur das Bekenntnis macht die Erkenntnis unserer Fehler zur wirklichen Tat. „Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und rückhaltslos dich aussprichst.“