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Du hast in Deiner Liebe, Allgütiger! mir heute (wiederum) einen Tag geschenkt, an dem ich Deine Gnade lebhafter erkenne und tiefer empfinde, weil er ein Tag ist, den mein Herz ersehnt seit langer Zeit. Mein lieber Sohn . . . . . , den ich in Liebe zu Dir und zur Kenntnis Deines Wesens und Deines Willens zu erziehen bestrebt war, ist nunmehr so weit gediehen, Dich selbständig und aus eigenem Antriebe verehren und Deine heiligen Gebote ausüben zu können, und ist heute bereit, durch feierliches Gelöbnis sich seinen Pflichten als Israelit zu unterwerfen. Dank Dir, mein Gott! daß Du mir (und meinem Gatten) die Freude vergönnt hast, Zeuge dieser Handlung zu sein. An das Gedeihen meines Sohnes knüpfen sich meine schönsten Hoffnungen. O, gib, daß diese nie und nimmer getäuscht werden, daß mein Sohn bei meinem (unserem) Leben und über dasselbe hinaus auf der Bahn der Tugend und Redlichkeit bleibe, und auch als ein Israelit nicht aufhöre, Dich vor Augen und im Herzen zu haben. Beschütze ihn auch, Allgütiger, auf seinem Lebenswege, behüte ihn vor Versuchung und Sünde, laß ihn mit Ehren einen Platz finden unter den Menschen, auf dem er imstande sei, Dir wohlgefällig, den Nebenmenschen nützlich, und zu seiner eigenen Zufriedenheit zu leben. Gib seinem Geiste Einsicht, seinem Herzen Mut zu allen guten Handlungen, die er auszurichten vermöge, und begnadige ihn mit Leben und Gesundheit und jeglichem Segen, der hervorgeht aus der Fülle Deiner Vaterliebe. Amen!
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Gebet einer Mutter am Verlobungstage ihrer Tochter
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Du Gnadenreicher! aus dessen Hand alles Gute kommt, das wir genießen, aus dessen Huld jede Freude entspringt, die wir empfinden, aus der Fülle meines Herzens bete ich heut zu Dir, um Dank und Bitte vor Dir zu offenbaren. Mit dem Gefühle, mit dem ein Wanderer das Ziel einer langen mühevollen Wanderung an seinem Gesichtskreis auftauchen sieht, mit demselben Gefühle sehe ich heut den Abschluß einer langen, mühevollen Arbeit von Ferne, und wie der Wanderer bittet: „O Herr! laß keinen Unfall nahe am Ziele die Vollendung stören“, so bitte ich: O Herr! laß keinen Unfall nahe am Ziele die Vollendung meiner Arbeit unterbrechen. Ich habe mein liebes Kind mit Mühe und Sorgfalt erzogen, ich war bestrebt, sie heranzubilden, daß sie fähig werde, als wackere Hausfrau ihre Pflichten auf Erden Dir und den Menschen wohlgefällig zu verrichten. Nun hast Du in Deiner Gnade das Werk meiner Fürsorge gesegnet und uns den Mann zugeführt, für den ich meine (wir unsere) Tochter erzogen habe (haben). Dank sei Dir für Deine Hilfe, mit der Du mir (uns) beigestanden hast bis hierher! Guter Gott! gib, daß unsere Einsicht uns nicht irre geführt habe, laß meine (unsere) Tochter durch diese Wahl glücklich werden, und den Erwählten glücklich machen. Tausend Gedanken beschäftigen mich, tausend verschiedene Wünsche möchte ich heut vor Dir aussprechen, doch Du schaust ja in mein Herz und verstehst ganz, was ich denke, wenn ich auch mangelhaft nur spreche; darum, gütiger Gott: sei mit uns allen, wie Du bisher mit uns gewesen und führe alles zum Guten. In Deine Hand befehlen wir unser Schicksal. Nichts ohne Dich, und alles mit Dir! Denn alles Gute kommt von Dir! Amen!
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Gebet einer Mutter am Hochzeitstage der Tochter.
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Allgütiger! Deine Vaterliebe waltet über uns, und ohne Deinen Beistand ist kein Gelingen und Gedeihen unserer Bestrebungen, das müssen wir täglich empfinden, und nur ein undankbares Gemüt könnte daran nicht gemahnt werden durch die Freude am Tage der Freude. Nein, Du guter Gott, ich will nicht undankbar sein für das Glück, das Du mir heute gewährest. Heute ist der Tag, an dem ich ein Ziel erreicht, für das ich so lange, so lange schon gesorgt und gedacht, das ich ins Auge gefaßt habe bei so vielen meiner Entschlüsse und Handlungen, das der Ausgangspunkt sein sollte mütterlicher Fürsorge und mütterlicher Sehnsucht. Heute führe ich mein liebes Kind dem Manne zu, dem ich mein erstes Anrecht auf seine Liebe übertrage, dem Manne, dem meine Tochter Gattin und Hausfrau sein soll, und zu meinem Kinde spreche ich: Gehe hin mit meinem Segen, heiligere Pflichten warten dein als die, die bisher deine heiligsten waren, als die Zärtlichkeit und der Gehorsam gegen deine Eltern. Und alles das tue ich mit freudigem Herzen, mit den Gedanken der frohesten Hoffnung. Darum sei Dir, gütiger Gott, Dank und Preis dargebracht, denn Du hast diesen Tag mir geschenkt, daß ich sein mich freue und fröhlich sei.