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Morgengebet am Passahfeste.

(Vorher Nischmath, siehe [Seite 19].)

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Du, Herr, bist der Ewige, unser Gott, der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, aus dem Hause der Knechtschaft.

In diesem Bekenntnis vereinigen sich all' die Gedanken, die der heutige Festtag in uns wachruft, daß wir, beseelt von ihnen, fähig seien, Dich zu preisen als den Unendlichen, den Allmächtigen und Allgütigen.

Ja, nur der Ewige ist unser Gott! Torheit und Nichtigkeit, Wahn und Aberglaube wären alle unsere Vorstellungen von Dir, wollten wir Dich nicht als den Ewigen anerkennen, der erhaben ist über alle Zeit. „Der Ewige ist unser Gott,“ das ist die würdigste Bezeichnung Deiner Größe. Das allein gibt mir die Überzeugung, daß mein Gott der wahre Gott ist. Sind bei dem Gedanken an Dich die Schranken der Zeit gefallen, was hindert mich noch, auch die Schranken des Raumes fallen zu lassen, zu glauben, daß Du allgegenwärtig bist, daß kein Gott neben Dir und außer Dir vorhanden ist, daß Du einzig bist? Was hinderte mich noch, auch die Schranken der Vollkommenheit vor Dir als nicht vorhanden anzunehmen, zu glauben, daß Du allwissend und allweise bist? Ja, ist nur der Ewige, mein Gott, so sind zwar alle Grenzen überschritten, die Dich meinem Geiste faßbar machen, aber in meinem Gemüte fühle ich Dich um so stärker und preise Dich in Demut als den Unendlichen.

Du hast uns aus dem Lande Ägypten geführt. Ist's nichts mehr als ein Ereignis, das die Geschichte uns aufbewahrt hat, um uns Zeugnis davon zu geben, wie das Geschlecht unserer Stammväter, unterdrückt von der Gewalt fremder Herrscher, sich zum freien Volke gestaltet hat? O nein, das Bekenntnis, daß Gott uns aus Ägypten geführt, lehrt uns ihn selbst erkennen, als den allmächtigen Herrn der Welt, der da gebietet über die Herzen der Menschen und über alle Kräfte der Natur.

Ja, Ewiger, Deinem Befehle gehorcht die Erde und das Meer, Du gebietest den Tieren des Feldes und den Wolken des Himmels, Du bist Herr über Leben und Tod, über Licht und Finsternis, in Deiner Hand sind alle Dinge, und unmöglich ist nichts vor Dir. Denn alle Wesen der Körperwelt und alle Kräfte der Natur sind hervorgegangen aus Deinem Willen, Du leitest die Welt und hast sie erschaffen, und hast Deine Macht herrlich bewiesen, als Du mein Volk aus dem Lande Ägypten geführt, denn Du, Ewiger, bist der Allmächtige.

Du hast uns befreit aus dem Hause der Knechtschaft. Nicht war es die Frömmigkeit des unterdrückten Sklavenvolkes, die der Befreiung sie würdig, nicht war es ihr Mut und ihr Freiheitsdrang, der zur Befreiung sie reif gemacht hätte, nicht war es ihre Einsicht, die sie die Sehnsucht empfinden ließ, Gott dem Herrn, zu dienen, unabhängig von dem Drucke der Heiden, im Lande der Götzendiener, und Deine Gnade hat sich dennoch ihrer erbarmt. Du sahest nicht auf ihre Würdigkeit, Du sahest auf ihr Elend; Du gedachtest des Bundes, den Du mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen, und erfülltest Deine Verheißung, Du führtest ihre Nachkommen dem höchsten Glücke entgegen, das je die Menschen erfahren, dem Glücke, Deine heilige Lehre zu empfangen, den Urquell aller Tugend auf Erden. Das alles hat Deine Güte getan, denn Du, Ewiger, bist der Allgütige.