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Tau und Regen. (Tal und Geschem.)

Betrachtung.

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„Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“; „Du bist es, der den Windhauch wehen und den Regen fallen läßt“; so beten wir während eines großen Teiles des Jahres alltäglich im Morgen- und Abendgebete. Wir beten es nicht für Israel allein, sondern für die ganze Menschheit in der ganzen weiten Welt. Denn der Erde Grund ist einer, des Himmels Höhe eine, des Wassers Tiefe eine für alle Menschenkinder. So weitet sich der Blick hinaus in die Unendlichkeit, hebt das allumfassende Gefühl über beengende Grenzen. Gottes Walten im Reiche der Natur erkennen und bekennen wir ehrfürchtig. Grünende Fluren, rauschende Wälder, prangende Blumen, duftende Blüten, wogende Saaten, nährende Früchte — die Erde spendet sie in unendlicher Macht und Fülle. Mit berauschendem Entzücken weilt der Menschen sonniges Auge auf gesegneten Triften und Äckern. Auf das Haupt des emsigen Landmanns, der mit nervigen Armen die Pflugschar führt, die Körner streut, die Egge zieht, fleht der dankbare Erdensohn den Segen des Himmels herab. Und wenn die Arbeit getan, das Feld bestellt ist und durstige Halme den Boden decken, blickt das Auge zum Himmel empor, die Hände falten sich und fromme Lippen lispeln: „Gib Tau und Regen zum Segen dem Erdreich“. Zähme, o Gott, die Kraft der Elemente. Des Donners drohendes Rollen, der Blitze fahles Zucken, lasse sie nicht zum Verderben und Schrecken werden. Dämme die Wasserflut, mildere die Sonnenglut. — Am ersten Tage des Peßachfestes, wenn wir das Fest der Befreiung feiern, das uns den Frühling unserer Geschichte kündet, vergessen wir selbstlos des eignen Geschickes und gedenken in Liebe aller Menschenbrüder. Er, der uns wundertätig durch das Meer geleitet hat, der Wüste Schrecknisse überwinden ließ, Er so beten wir innig, möge die Winterfesseln der Natur in Güte lösen, die starre Scholle lockern, der Keime Triebkraft wecken, damit den Menschen ihr unermüdlicher Fleiß gelohnt und nährendes Brot zuteil werde. Die leuchtenden Tropfen, die am taufrischen Morgen am Angergrase zittern, sie sind Sinnbilder der Tränen der Sorge und der Freude. „Denn belebender, erquickender Tau ist Dein.“ Wie aus dem Erdenmutterschoße sich das Körnlein aus Dunkel zum Lichte ringt, so möge Gott auch uns das Werk gedeihen lassen, die Saat, die wir am Morgen gesät und am Abend, uns dem Glücke entgegenführen.

Wenn wir im Herbstesgrau das Hüttenfest beschließen und die Festgedanken zum Ergebnis sammeln; wenn der Winzer den Weinberg reich belohnt verläßt, Kelter und Tenne gefüllt sind und aller Früchte Erntesegen unversehrt die Speicher schmückt; dann wendet sich wieder unser dankbares Gemüt zum himmlischen Vater. Wieder erweitert sich uns das Volksgefühl zum Menschentum, wird uns das geschichtlich-religiöse Festgebet zum Weltgebete. Die Stammväter, deren wir in Ehrfurcht gedenken, werden zu Vätern der Menschen, die Mütter zu Menschenmüttern, der waltende Gott Israels zum liebevollen Weltengotte. Die große Vergangenheit gliedert sich bescheiden dem Ganzen der Geschichte an und mit erlösender Begeisterung umschließt unser Festgedanke alle. Wie frischer Regenguß die duftende Erde befruchtet und schlummernde Kräfte weckt, wie kühlender Windhauch schweifende Wolken sammelt und scheucht, so wirkt die Menschenliebe auf jegliches Menschenherz. Wie die gewaltige Kraft der Natur zu neuem Leben in Ruhe- und Restzeit Atem schöpft, so mögen auch wir, wenn es Zeit ist, in stiller Sammlung zu erneuter, sittlicher Tatkraft uns rüsten. All unser Denken und Fühlen und Tun gedeihe unserem Volke und heiligen Glauben

„zum Segen und nicht zum Fluche

zur Sättigung und nicht zum Hunger

zum Leben und nicht zum Tode.“

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