Erlauben Sie, meine Herren Sokraten, daß ich 10 Ihnen den Vorhang vor unserer gegenwärtigen Welt aufziehe, und denn lachen Sie noch, wenn Sie das Herz dazu haben. Sehen Sie da alle gesellschaftlichen Bande unangezogen und ungespannt aus einander sinken, sehen Sie da junge Leute mit den Mienen der Weißheit und 15 allen Waffen der Leichtfertigkeit versehen, in allen Künsten der Galanterie unterrichtet, auf die schwachen Augenblicke Ihrer Geliebten und Ihrer Töchter Jagd machen, sehen Sie da eben diese jungen Leute mit der größten Verachtung für das Geschlecht, das allein aus Männern Menschen machen, 20 und durch die Liebe ihren regellosen Kräften und Fähigkeiten eine Gestalt geben konnte, mit mehr als thierischer Ungebundenheit sich nicht allein für ihre künftigen Gattinnen, nein auch für [38] ihre Freunde, auch für den Staat, der sie nähren muß, völlig entnerven und untüchtig machen. 25 Wo ist Aufmunterung, wo ist Belohnung, wo ist Ziel? Der wilde Ehrgeitz macht Unterdrücker, da aber die äußerlichen Anstalten in unsern Zeiten zu einer gewissen Vollkommenheit gediehen sind, so findet auch der überall Wiederstand, und artet sodann in einen unthätigen und 30 deswegen um desto unleidlichern, unerträglicheren Hochmuth aus. Die Religion, so lange sie weiter nichts als eine Anweisung auf den Himmel, auf — der menschlichen Natur ganz fremde und undenkbare Güter ist, ist viel zu ohnmächtig, in dem entscheidenden Augenblick der Versuchung, 35 den in uns stürmenden Leidenschaften die Waage zu halten; und brauchen wir sie daher gemeiniglich wie den Deckel, den Brunnen zu zu machen, wenn das Kind hinein gefallen ist. Wie nun, daß wir den lezten Keim aller Moralität, alles Genusses, den Gott in unsere Natur gelegt, herausreissen wollen, den Glauben und die Hofnung auf Entzückungen, die eben durch die Leiden, Zweifel und 5 Aengstigungen vorbereitet werden müssen, um ihren höchsten Reiz zu erhalten.
[39] Sehen Sie weiter die meisten unserer Ehen an. Verträge sind sie, einander gegen gewisse anderweitige Vortheile, die, gleich als ob man sich mit seinem ärgsten 10 Feinde verbände, mit der größten Behutsamkeit von der Welt obrigkeitlich müssen gesichert seyn, alles zu erlauben. Und was zu erlauben? Sachen, wozu Ihnen die Natur die Kräfte schon versagt hat: eine Erlaubniß, die keine ist, und die Sie nicht nöthig hätten, so theuer zu 15 kaufen, mit Verlust Ihrer häußlichen Ruhe, Ihrer Freyheit, Ihrer Ehre, wie oft Ihrer Ehre? — Sich Liebe zu erlauben, die keinen Gegenstand mehr findet, weil alle Gegenstände von eben dieser Freyheit zu denken eben so verderbt, eben so entnervet sind. Wohin also mit diesem 20 glänzenden Betruge, den man sich alle Tage erneuert, alle Tage neue Plane macht, die am Abend vergessen werden, und so am Ende seines Lebens immer glaubte genossen zu haben und nie genossen hat. — Nehmen Sie nun aber die Unglückseligen, die keine 25 solchen Merkantilischen Verträge aufrichten können. Nehmen Sie die blühende Schöne, die keine weiteren Reize hat, als die ihr die Natur und ihre Tugend gab, und die jetzt auf ewig ungebrochen an ihrem Stock absterben [40] muß. Nehmen Sie die unzähligen Schlachtopfer 30 der Nothwendigkeit und die furchtbaren Geschichten, die, so wie sie wirklich geschehen, und wie ich deren hundert weiß, keine menschliche Feder aufzuzeichnen vermag. Nehmen Sie die heruntergekommenen Familien, und die andern, denen ein gleiches Schicksal 35 drohet, die alle vereinzelt sind, unter denen alle Bänder, die vielleicht machen könnten, daß sich eine an der andern wieder aufrichtete, zerhauen und zerstückt sind, und für die alle menschliche Klugheit keine Hülfsmittel mehr auszusinnen im Stande ist. Die nunmehr alle, anstatt einen gemeinschaftlichen Quell der Freuden (und welche Freuden sind inniger und wärmer, als die von 5 zwey vereinigten Familien?) ausfindig zu machen, eine auf der andern Ruinen triumphiren. Man schreiet über den Luxus, daß er die Ehen hindere, nein, meine Herren, es ist nicht der Luxus, der Luxus ist das einzige Mittel, die Freuden der Ehe auch von außen 10 glänzender und herrlicher zu machen, es ist, was Sie sich alle selbst nicht gestehen wollen, die Pestbeule in Ihrer Brust, die Verderbniß der Sitten, die Geringschätzung höherer Wonne für einen thierischen Augenblick, der Ihnen freylich heut [41] zu Tage leicht genug 15 gemacht wird. Ihre Mütter, Ihre Väter, Ihre Weiber, Ihre Kinder — wenn gleich das dumpfe und unentwickelte Gefühl ihres Elendes sie stumm macht — verwünschen in den Augenblicken, wo die gesammten Folgen Ihrer Grundsätze auf sie herein brechen — ohne es zu wissen, 20 ohne es zu wollen, Sie. — Sie, die jetzt des allgemeinen Elendes lachen.
Wenn nun zu den äußern Bewegungsgründen noch die innern hinzu kommen, eines Triebes zu schonen, den uns die Natur gab, um damit zu wuchern, nicht ihn, 25 eh wir mündig werden, zu verschleudern; wenn die gänzliche Vertäubung unsers innern Nerven uns mit einer furchtbaren Armuth an Wonnegefühl für unser ganzes Leben bedroht: worauf könnten wir Jünglinge, die an der Schwelle des Lebens stehen, 30 wohl eifersüchtiger seyn, als auf die geringste Verletzung der Grundsätze, die uns die richtige Anwendung dieses Triebes auf ewig befestigen? Hier Schwärmerey zu rufen, wo der erste Entschluß alles ist — seitab vom Rosengebahnten Wege herzhaft auf Dornen zu treten, die 35 uns zum Glück eines Halbgotts führen, von [42] dem unsern Gegnern bis auf die Vorempfindung fehlt — ist, und muß uns wahres Kriegesgeschrey sein, daß alle unsere moralischen Gefühle empört, mag auch die Stimme, die uns das zurief, noch so süß und Syrenenmäßig tönen. Ja, je zaubrischer sie ist, desto mehr verdopple sich unsere Wuth, ihr zu entweichen, nach dem Maaß, als die Waffen, 5 die man gegen unsern Entschluß anwendet, gefährlicher werden, der wahrhaftig keiner von den leichten ist. Ach in einer Welt, wo das geringste Wanken und Zweifeln an seiner Hofnung schon Fall und Untergang ist, wo tausend Augen uns entgegen buhlen, tausend Busen uns 10 entgegen streben, die oft von der Nothwendigkeit, oft von der Falschheit, oft, welches die fürchterlichste aller Versuchungen ist, vom Irrthum, mitleidenswürdigen Irrthum, der ihnen nicht benommen werden kann, gegen uns bewafnet werden, die, da Liebe und Leiden- [43] schaft auf 15 ihrer Seite sind, uns keine andere Wahl als die eines Bösewichts oder eines Elenden übrig lassen — ach meine Freunde, der Kranz hängt oben, und der Fels ist glatt. Nur eine kann eure Leidenschaft haben, wenn die andern euer Mitleiden, eure Liebkosungen vielleicht, eure 20 Dienstleistung (denn wem seyd ihr sie mehr schuldig, als dem in unsrer kalten Welt so hülflofen Geschlecht?) kurz allen äußerlichen Anschein eurer Leidenschaft haben. Laßt euch das nicht reuen, seyd edel, opfert auf, ohne Wiederwillen, alles, was man von euch fodert, alles — nur 25 nicht euer Herz. Dies kann niemand fodern, niemand — auch die behendesten Kokettenkünste nicht — erschleichen, und wenn euer Herz euer ist, wird eure Tugend gewiß sicher seyn. Bleibt Meister eurer Herzen, und ihr bleibt Meister der Welt. Verachten könnt ihr sie 30 mit all ihrem Gewirr äußerer Umstände und Zwangmittel, die [44] nur Zwangmittel für Sclaven sind, die den Adel des Funkens nicht kennen, der in ihnen lodert, und der die Verheißungen der ganzen Erde hat.
Wer kann das Namenlose, ängstige Gefühl, für 35 welches wir doch immer nur Zerstreuungen vergeblich aufsuchen, dunkel genug ausmahlen, daß alle unsere Fiebern tödlich durch schauert, wenn wir, bey Erschöpfung unseres inneren Sinnes, das ganze irrdische und sterbliche unserer Substanz inne werden, inne werden die furchtbare Lücke, die sich zwischen unserer Anhänglichkeit an die Welt und zwischen allem, was wir sonst in ihr schätzbar und genießbar 5 fanden, einstellt. Da also alles Glück in der Welt auf unsere innere Beschaffenheit und Empfänglichkeit desselben ankommt, welche Drachen sind feurig genug, diesen Eingang desselben zu bewahren? sollte auch die Gefahr, [45] womit er bedroht wird, durch einen optischen Betrug sich 10 uns größer abbilden, als sie in der That ist. Selbst dieser optische Betrug ist ein Verwahrungsmittel der Natur, das uns wenigstens in Betracht derer heilig seyn sollte, die noch nicht reife Einsichten genug erworben haben, die wirkliche Gestalt dieser Gefahren mit ihrem Verstande zu 15 beleuchten. Für diese aber Karten aufzuzeichnen und zu illuminiren, ist, wie Herr W. selbst eingestehen wird, ein höchst mißliches und gefahrvolles Unternehmen, zu dem nicht bloß poetisches Talent und Kenntniß der Welt, sondern auch eine große Dosis von Güte des Herzens 20 erfodert wird, die sich lieber in ein dunkles Licht stellen, als durch ein verborgtes feyerliches Ansehen und Hohngelächter allen Muth in jungen zur Tugend aufstrebenden Herzen niederschlagen will.
Wie aber, wenn Herr W. selbst ein [46] Märtyrer 25 der Philosophie seiner Zeiten geworden wäre, und durch eine der schönsten und unglücklichsten Leidenschaften bis auf einen Grad der Verzweiflung gebracht, den man an gefühligen Seelen nicht innig genug bedauren und verehren kann, aus Verdruß übers menschliche Geschlecht 30 einer Schwärmerey gespottet hätte, die seine Jugend so unglücklich machte. Wenn der Beyfall, mit dem seine ohnehin dahin gestimmten Zeitgenossen diese mit allen Waffen seines Witzes und seiner aufgebrachten Einbildungskraft gerüsteten Spöttereyen aufgenommen, ihn auf dem 35 einmal beschrittenen Wege immer weiter fortgerissen, bis er aus dem süßen Taumel des allgemeinen Zujauchzens erwachte, inne hielt, die leeren Köpfe, die mit ihm gelaufen waren, seitab auf bessere Wege zu führen suchte, wo sie wenigstens nicht Ursache hätten, zu bereuen, daß sie die Verirrungen eines feurigen Genies für Lehren der Weißheit und Tu- [47] gend gehalten — — o mein liebenswürdiger 5 Freund! reichen Sie mir Ihre Hand, und ich will Ihr Herz so sehr verehren, als ich Ihren Geistesgaben meine Bewunderung nie habe entziehen können. Und wie könnte Ihr Vaterland sodann undankbar gegen einen Dichter seyn, der selbst durch den zufälligen Schaden, 10 den er verursacht, unzählige Jünglinge, besserer Zeiten belehrt hat, die Abwege einer zu schnellen Einbildungskraft, eines zu empfindlichen und reitzbaren Herzens zu vermeiden und sowohl aus Ihrem Exempel als aus den Abdrücken nicht aus der Luft gehaschter, sondern bewährter 15 Erfahrungen menschlichen Lebens (dem ächten Probierstein wahrer Dichter) weise zu werden. Wie könnte Ihr Vaterland, ohne alles Blut in seinen Adern empört zu fühlen, eine Niobe in Ihrem Zimmer vermuthen und nicht die Ursache dieser Thränen zu erforschen und wegzuräumen 20 suchen? Nein, würdiger Kriegesmann, der [48] noch in seinem Alter dem Feinde entgegen gehen und irgend eine Kugel auffangen will, einem Jüngeren das Leben zu retten, das sollen Sie nimmer, nimmer, sondern Ruhe — Dichterruhe auf Lorbeern Ihre Strafe seyn. 25
Beilagen.
I. Aus der Handschrift des »Pandämonium Germanicum«.
Gleim tritt herein mit Lorbeern ums Haupt, ganz erhitzt, in Waffen. Als er den neckischen tollen Hauffen sieht, wirft er 5 Rüstung und Lorbeer von sich, setzt sich zu der Leyer und spielt. Der ernsthafte Zirkel wird aufmerksam, Utz tritt aus demselben hervor, und löst Gleimen ab. Der ernsthafte Zirkel tritt näher. Ein junger Mensch folgt Utzen, mit verdrehten Augen, die Hände über dem Haupt zusammengeschlagen: 10
Ω πω ποι, was für ein Unterfangen, was für eine zahmlose und schaamlose Frechheit ist dies? Habt ihr sowenig Achtung für diese würdige Personen, ihre Augen und Ohren mit solchen Unfläthereyen zu verwunden? Erröthet und erblaßt, ihr sollt diese Stelle nicht länger 15 mehr schänden, die ihr usurpirt habt, heraus mit euch Bänkelsängern, Wollustsängern, Bordellsängern, heraus aus dem Tempel des Ruhms!
Ein Paar Priester folgen dicht hinter ihm drein, trommeln mit den Fäusten auf die Bänke, zerschlagen die Leyer und jagen 20 sie alle zum Tempel hinaus. Wieland bleibt allein stehen, die Herren und Damen beweisen ihm viel Höflichkeiten, für die Achtung die er ihnen bewiesen.