Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:

Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenüber befinde, veranlaßt mich, zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein mag, und Sie um eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu bitten, um so mehr, da meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die gleiche wie ehedem ist, und er selbst wiederum durch den gezwungenen Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als ein Gefangener, denn als Gast und zugehöriges Glied erscheinen muß. Ein endgültiger Zustand wäre dem Jüngling ehestens zu wünschen; seine aufgeregten Hoffnungen enthalten seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag für Tag glüht er in einer so fieberhaften Erwartung, daß an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu denken ist und auch dem blödesten Auge die Unruhe seines Gemüts nicht entgeht. Die Abende bringt er mit unnützen Schreibereien hin, und sein Hauptvergnügen ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer großen Landkarte die Straßen zu verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu fahren hofft, jedenfalls eine praktische, wenn auch einseitige Art, Geographie zu treiben. Er spricht, denkt und träumt von nichts anderm als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen, Mylord, noch ein Geringes an dem Wohl des unglücklichen Jünglings gelegen ist, so vermag ich keinen stärkeren Appell an Ihre Güte zu erheben als den, ein so drängendes und fruchtloses Hinweben in möglichster Bälde zu beenden. Sie sind der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in seinen Ohren hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie muß auch das Herz desjenigen bewegen, der sonst durch die Launen, die Unverläßlichkeit und Zwitterhaftigkeit des rätselvollen Wesens eines ehemals intensiven Attachements für ihn beraubt wurde.

Daumer an den Präsidenten Feuerbach:

Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft über Caspar Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich muß gestehen, daß mich dies einigermaßen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den letzten anderthalb Jahren wohl gehütet, dem so sorgfältig Abgeschlossenen nahezutreten, weil ja hierzulande jeder ängstlich bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor fremdem Einspruch zu wahren, und so wird ein Interesse, das die Menschheit angeht und jeden freien Geist in Mitleidenschaft ziehen muß, unversehens zur Angelegenheit einer Partei. Eure Exzellenz möge diese Insinuation entschuldigen, sie möge lediglich für meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anlaß zu übertriebenen Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen Haus aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir gewesen, und ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen über ihn, die, wiewohl allgemeiner Natur, doch das Besondere seiner gegenwärtigen Lage erhellen.

Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut und gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjährigen macht. Träte er, der nun den gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden muß, unerkannt in eine Gesellschaft, so würde er doch als eine befremdliche Erscheinung auffallen; sein Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden und Vorsichtigen einer Katze; seine Züge sind weder männlich noch kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und jung zugleich, besonders auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen seltsam ein vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sproßt heller Bartflaum, dies scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften Mädchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter hängenden braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist herzgewinnend, sein Ernst bedächtig, über beiden schwebt stets ein Hauch von Melancholie. Sein Benehmen ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz ungezwungene Gravität. Tölpelhaft und schwerfällig sind bloß noch manche seiner Gebärden, auch seine Sprache ist hart und die Worte sind ihm nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und in anmaßendem Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern läppisch klängen, aus seinem Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lächeln erzwingen; so ist es höchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplänen spricht, von der Art, wie er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und wie er es mit seiner Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als notwendigen Hausrat, als etwas wie eine Obermagd, die man behält, solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie die Suppe versalzt oder die Hemden nicht ordentlich flickt.

Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemüt ähnelt einem spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfähig zu beleidigen, er kann keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den Wurm, den er zu zertreten fürchtet. Er liebt den Menschen; jedes Menschengesicht wird ihm zum Götterantlitz, und er sucht den ganzen Himmel darin. Nichts Außerordentliches ist mehr an ihm als das Außerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jüngling, der keine Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er weiß nicht wie, ohne Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Altersgenossen, ohne Freunde, gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung, erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, an seine Abhängigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen. Und so ist eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu beobachten, Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und Schwäche des andern erfaßt, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wünsche anbringt und den guten Willen seiner Gönner sich dienstbar zu machen weiß.

Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen, ihn vor der gröbsten Bedrängnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur Zuschauer vor dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete Mann, Graf Stanhope, darf er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden? Was dürfen wir glauben? Wo findet der begründete Zweifel Stillung? Mir ahnt Schreckliches, wenn ich der Erwartungen des Jünglings in bezug auf den Grafen denke, der ein Heiliger, ein Ohnegleichen sein müßte, wenn sich alle Versprechungen erfüllen würden, die mit seinem Auftreten für Caspar verbunden waren. Und erfüllen sie sich nicht, erfüllt sich nur ein Hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein böses Ende. Denn ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus äußerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will alles, fordert das ganze Maß des Glücks oder muß, nur um ein weniges betrogen, einer ungemessenen Devastation anheimfallen.

Ich gestehe, daß mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen Erwägungen gibt; wie dürfte sich auch mein Mißtrauen an einem so hochgestellten Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, daß Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte Feindin Caspars, trägt das Gerücht in der Stadt herum und verkündet überall mit Schadenfreude, daß aus der englischen Reise und aus den Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine Schwester erzählt, habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben Haus mitsammen aufgewachsen. Gott verhüte, daß Caspar von diesem Geschwätz etwas erfährt. Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir darüber genaue Auskunft berichten ließen, damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann, wie es für das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist.

Feuerbach an Herrn von Tucher:

Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit Rechnung tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, daß Sie Ihres Amtes als Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind. Eine gleichzeitige Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form bekanntgeben, wie auch weiterhin die Verfügung, daß Caspar dem Grafen Stanhope zu überlassen sei; freilich einstweilen nur der Form nach, denn bis die schwierigen und verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben werden, soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden; Lord Stanhope hat während dieser Zeit für seine zweckmäßige Erziehung und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde in Abwesenheit des Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen. Am siebenten des Monats wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für die Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft, Graf Stanhope, hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung, die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen soll, fernzubleiben, und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich sehe keine Schwierigkeit darin, Caspar von der veränderten Lage der Dinge zu unterrichten, und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes für übertrieben. Ich selbst werde dieser Tage eine längst vorbereitete Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei dieser Gelegenheit eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars endgültig herbeizuführen.