»Schöne Geschichten,« murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum Himmel.
Er spürte vorsichtig nach. Er erfuhr, daß bei jener Putzmacherin wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der Erzählung Caspars noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die Rücksicht auf seinen Ruf, hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen, daß der Jüngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein konnte, als er sich anstellte; denn, so argumentierte er, zu einem derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschöpfs kann nur ein Mensch Anlaß geben, dem eine gewisse moralische Unzulänglichkeit auf der Stirn geschrieben steht.
Ja, wenn er nicht lügen würde, dann wäre alles anders, dachte Quandt; aber er lügt, er lügt, und das ist das Fürchterliche. Hat er mir nicht erzählt, die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter Taschentücher geschenkt? Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er kenne den Ministerialrat von Spieß und habe im Schloßtheater mit ihm gesprochen? Lüge. Hat er nicht dem Musikus Schüler weisgemacht, er habe die Idyllen von Geßner gelesen, und als ich ihn danach fragte, wußte er kein Wort darüber zu sagen, wußte nicht einmal, was eine Idylle ist? Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal für den Präsidenten, das andre Mal für den Hofrat, und später zeigt es sich, daß er bloß herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen? Steht das nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so ungerecht, daß ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand sonst darin finden kann?
Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt die verdammenswerten Vergehungen vor.
»Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt,« sagte darauf der Pfarrer, »daß das lauter armselige, kleine Lüglein sind, kaum daß sie den Namen verdienen? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar nur das harmlose Vergnügen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht spielt er nur mit seiner Zunge, wie er andre Menschen damit spielen sieht, nur eben viel ungeschickter.«
»So?« ereiferte sich Quandt, »dann will ich Ihnen, Hochwürden, eine Geschichte erzählen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt. Hören Sie zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter mit abgebrochener Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht mich darauf aufmerksam, und ich konstatiere, daß der Henkel nicht abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist; das Rohr war bis ganz hinunter von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von außen rötlichblau überflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch das zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war keine Spur mehr da. Nun müssen Sie wissen, daß ich ihm streng verboten hatte, bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich ihn schonen und ließ ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet er plötzlich alles ab, versichert, daß er die Kerze weder wissentlich habe verbrennen lassen, noch dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am Ende zu der Behauptung, es sei gar nicht sein Leuchter, sondern der der Magd, denn beide sähen gleich aus. Was sagen Sie dazu?«
Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Wir dürfen doch nicht vergessen, daß er trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist,« erwiderte er nachdenklich. »Ich habe mich selbst davon überzeugt. Ich besitze eine kleine Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bißchen experimentiere. Neulich nahm ich das Ding vor, während Caspar dabei war, ließ die Funken springen und lud die Leidener Flasche. Da wird mir der arme Mensch bleich und zusehends bleicher, fängt zu zittern an, spreizt die Finger starr von sich und sein Körper zuckt wie ein Hecht, den man auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken und räumte das Zeug beiseite, worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte. Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir gestand; wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schweiß, und die Dinge, die er anfühlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte er, beim Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich, da kitzle ihn und brenne ihn das Blut, daß er immerfort schreien möchte.«
»Und daran glauben Sie?« rief Quandt, die Hände zusammenschlagend.
»Ja, warum denn nicht?«
»Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem großen Nachteil gegen den Menschen, das muß ich zugeben,« sagte Quandt. »Das muß ich zugeben,« wiederholte er bekümmert.