»Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,« sagte er im Verlauf seiner Mitteilungen zu Feuerbach; »ein sonst so vortrefflicher Mann, und in allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem, was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft, und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig. Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!«

Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum Schluß kam nichts heraus.

Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und kalt seiner Wege ging.

»Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß man wohl als gescheitert betrachten,« sagte Feuerbach eines Tages zu seiner Tochter. »Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.«

»Mag sein; aber kann man es ändern?« versetzte Henriette achselzuckend.

»Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,« sagte der Präsident vor sich hin.

»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu machen.«

»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist – ei, das gäbe Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen gekommen?«

Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.

Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.