Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich hab’s nicht gelesen,« sagte er kurz.
Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riß den Mund auf und schnappte. »Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie – nicht gelesen? Ja wie ist denn das möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und brachte das Büchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stieß es ihm förmlich in die Hand und knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!«
Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin genügte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause will ich’s lesen.«
Schlag zwölf Uhr verließ er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu Hause, als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den Gesprächen zu, die sich ausschließlich um das dem Präsidenten widerfahrene Unglück drehten. »Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,« plauderte die Lehrerin, »da hab’ ich den Staatsrat gesehen, gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab’ mir gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.«
»Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet, dem Herrgott in die Karten zu gaffen,« versetzte Quandt unwirsch. »Da predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.«
Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick eintrug.
Er begab sich dann in sein Zimmer.
Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. Er ging hinauf und überzeugte sich, daß Caspar nicht da war. Sein Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah.
»Also doch,« murmelte er bitter.
Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!«