»Bitte, nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weißt doch, daß ich keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ängstlich ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen Rückweg.«

Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte Straße gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem Lehrerhaus reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du wahrscheinlich fort von mir, Clara,« sagte da plötzlich Caspar und schaute sie mit einem verschleierten Blick an.

Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das traurig-verwundert im dunkeln Wald steht.

»Ja, ich gehe,« erwiderte sie endlich.

»Und warum denn? Bei dir war mir wohl.«

»Ich komme wieder,« versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit, hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns schreiben. Zu Weihnachten komm’ ich wieder.«

»Ich komme wieder; das hab’ ich schon einmal gehört,« sagte Caspar bitter. »Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu’ ich nicht. Was hat man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.«

»Es kann nicht anders sein,« flüsterte Clara, und ihr Blick suchte die Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen, vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne, Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.«

Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl,« sagte er matt.

Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet, und das mit einer Bettmütze gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung.