Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von Verschlafenheit hatte.

Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.

Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.

War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen wie kaltes Wasser?

Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt.

Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich rannen die Schauder über den Nacken herab.

Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein: daß die Zeit verging.

Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist gekommen.«

Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und morgen werd’ ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß.

Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange; es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich holen, und einen silbernen Stall werd’ ich dir bauen. Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.