Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er spöttisch. »Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den Raum lebendig, den Tod fühlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschuß von Kräften ist kein Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans? Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu beweisen.«
Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiß, Sie lieben Caspar,« sagte er mit veränderter Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und nicht Mitleid nährt diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst erkennen will. Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das ist es. Muß ich Ihnen sagen, daß es keine tieferen Wunden gibt als die Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat als Enttäuschung.«
»Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben wie wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt.
Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns. Eine leichte Gebärde verriet, daß das Gespräch für ihn erschöpft sei, und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste. Daumer, völlig aus der Fassung gebracht, wünschte nichts weiter, als den lärmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, blaß und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen Fräcken; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen Füßen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus.
Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den Arm um Caspars Schulter und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine Beschwörung.
Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen voll von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, daß Blick und Lächeln Daumer an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig fühlte, sei es, daß die Nacht, die Einsamkeit, die quälenden Zweifel, das wunderliche Gespräch, das er eben geführt, seinen Geist zu übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o Mensch!«
Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.
Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren die drei Worte: Mensch, o Mensch – für jeden andern natürlich eine sinnlose Hieroglyphe, für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, daß er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete, welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und in einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn häufig befielen, faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß, daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben würde. Solche Vorsätze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande.
Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar hegten, kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident seinem Schützling gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf, ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung, aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und würdest du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten?« fragte Daumer. Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig: »Sie werden es gewiß nicht verlangen, bitte schön!«
Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.