Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam – er besuchte jetzt zwei Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums –, erkundigte sich Frau Behold, wie es ihm gegangen sei. »Schlecht ist’s gegangen,« entgegnete er dann trübselig, und in der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die Lehrer klagten, daß seine Gegenwart die andern Schüler der Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, daß auf der Gasse stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das Haus bewachte, in dem er wohnte, dünkte die Knaben aufregend sonderbar, und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit wurde natürlich ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie richtete, wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten ihn, denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer Teufel, der, fast doppelt so alt als sie, noch in den Anfangsgründen der Wissenschaft steckte. Es kam häufig vor, daß er während des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte; da brach dann die ganze Klasse in Gelächter aus, und der Lehrer lachte mit. Einmal, während eines gewaltigen Sturmwinds, der draußen heulte, verließ er seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergnügen der andern keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den Bänken schob, begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.
Am eigentümlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll unter den Lärmenden und Unbekümmerten, männlich unter den Halbwüchslingen – und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes.
Sehr häufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft über Caspar einzuholen. »Ach,« hieß es da, »er hat freilich den besten Willen, aber leider nur einen mittelmäßigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es bleibt nicht viel haften. Wir können ihn nicht tadeln, aber zu loben ist auch nichts.«
Daumer war gekränkt. Ihr könnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt, wie es sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten, aber Herr Behold war kein Freund von offenen Meinungen. Er war ein einschichtig lebender Mensch, der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte, und wer von ihm etwas haben wollte, erhielt gewöhnlich die Antwort: »Da müssen Sie sich an meine Frau wenden.«
Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin, wie er jetzt achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte, wobei er aber gern vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit großem Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold, und er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb diese so gierig getrachtet hatte, den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen. »Was willst du,« meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus, »es ist ja ganz klar, sie braucht eine Spielpuppe, eine Unterhaltung für ihren Salon.«
»Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlässigt sogar dieses Kind, wie man hört.«
»Freilich; aber daran ist nichts Merkwürdiges, ein Kind zu haben wie alle andern Leute; es muß etwas sein, wovon man redet, was Interessantes muß es sein; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in der Zeitung. Auch gilt man nebenher für eine Wohltäterin, der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen, und was die Hauptsache ist, man vertreibt sich die Langeweile. Die Person kenn’ ich, als ob ich’s selber wäre. Der Caspar tut mir leid.«
Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie Gäste hatte. Sie mußte immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete, gutgelaunte Menschen, Männer mit Titeln und Frauen von Rang, liebte Feste, Schmuck und prächtige Gewänder. Man hätte sie eine joviale Natur nennen dürfen, wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte; sie wäre bisweilen behäbig, ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde, von der sie bis ins Innerste, bis in den Schlaf der Nächte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse französischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden, und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war, machte diese Eigenschaften nur um so hintergründiger. Wer sie so nahm, wie sie sich gab, war im voraus betrogen.
Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunächst bloß humoristisch und am meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. »Nein, was er heute wieder Komisches gesagt hat,« war ihre beständige Phrase. Es hatte oft den Anschein, als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen. »Also, mein liebes Mondkälbchen, sprich,« forderte sie ihn vor den Gästen auf. Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln auswendig zu lernen, lachte sie aus vollem Hals. »Wie gelehrt, wie gelehrt!« rief sie und fuhr ihm mit der Hand wüst durch das Lockenhaar. »Laß es sein, laß es sein,« tröstete sie ihn, wenn er über die Schwierigkeit einer Rechnung klagte, »bringst’s ja doch zu nichts, ist genau so, wie wenn ich seiltanzen wollte.«
Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr. Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Küche stand und Zeuge war, wie der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zügen, er wich zurück, zitterte und war keines Lautes fähig, dann floh er mit bedrängten Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rührung nicht nachgeben. Was ist das? dachte sie; er verstellt sich wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?