Die Brigg lief trefflich vor dem Wind, und mit wachsender Erwartung lenkten alle den Blick nach dem geheimnisvollen Westen. Selbst die rohen Matrosen spürten einen abergläubischen Schauder, als jene Sterne niedriger stiegen und dann verschwanden, mit denen sie seit ihrer Kindheit vertraut waren, und sie wurden durch den Anblick des neuen Himmels, seiner unbekannten Bilder und phosphoreszierenden Wolken lebhaft an die Gefahren ermahnt, denen sie entgegengingen. Nur Geronimo dachte lediglich an den Ruhm, der seiner wartete, und, ein wahrer Midas des Traums, verwandelte er in Gold, was in den Bereich seiner Ahnungen und Hoffnungen kam, denn er wußte, daß die Reichtümer, die er gewann, das einzige Mittel zum Ruhm und die sicherste Bürgschaft dafür waren. Es befand sich ein Mönch auf dem Schiff, der schon zum zweitenmal die Fahrt über den Ozean machte, und auf der Insel Hispaniola gewesen war, um im Auftrag seines Ordens für das Christentum zu wirken. Er erzählte oft und mit trauriger Miene, wie grausam die Spanier in jenen paradiesischen Ländern gehaust, wie schnöde sie das Vertrauen der unschuldigen Eingeborenen hintergangen und in nimmersatter Habgier blühende Gegenden verwüstet hätten. Was könne das Wort des Heilands fruchten, wo Verrat, Mord und Plünderung die Religion der Bekehrungseifrigen als verabscheuenswerte Heuchelei erscheinen lasse?
Geronimo hörte gleichgiltig zu. Wurde aber der Name des Columbus oder einer der ihm folgenden kühnen Seefahrer genannt, so ballte sich seine Faust, und Blässe überzog das lange Oval seines Gesichts. Denn diese Namen hatten eine selbstverständliche Leichtigkeit des Klanges und der Bildung, während sein eigener Name leblos tönte und völlig an die leibhafte Erscheinung gebunden war.
Nun erhob sich in der sechsten Woche ein gewaltiger Sturm, der viele Tage lang anhielt und das Schiff aus seinem Kurs weit nach Nordwesten trieb. Die Mastbäume hatten gekappt werden müssen, das Steuer war zerbrochen, hilflos schwankte das Fahrzeug in der Strömung unbefahrener Meere. Als eines Morgens ein Matrose den langersehnten Landmelderuf ausstieß, glaubten sie sich schon gerettet, doch blickten sie voll Bangigkeit gegen die Küste, da sie nicht wußten, wo sie sich befanden und welches Los ihnen dort bevorstand. Näherkommend gewahrten sie eine Schrecken einflößende Brandung, und ehe sie noch beraten konnten, wie das drohende Verderben abzuwenden sei, stieß das Schiff gegen eine Felsenklippe. Der Rumpf füllte sich schnell mit Wasser, die meisten Leute wurden in der ersten Verwirrung von den Wogen gepackt und fortgespült, andere büßten das Leben ein bei der Bemühung, ein Boot klar zu machen, und binnen kurzer Frist war die Brigg samt ihrer Mannschaft vom Meer verschlungen.
Vielleicht ist es der ungewöhnliche Lebens- und Tatenwille, gegen den selbst die Elemente machtlos sind, der solche Männer wie Geronimo aus Gefahren rettet, die alle Schwächeren rings um sie vernichten. Er wurde von einer riesigen Welle durch einen Kanal zwischen den Riffen geschleudert und ans Land gespült. Als er aus einer tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, sah er sich von seltsam gekleideten Menschen umgeben. Einer gab ihm aus einem kupfernen Gefäß zu trinken, ein anderer half ihm, sich aufzurichten, und sie führten ihn zu einem großen Dorf. Durch Geberden erkundigten sie sich nach seiner Herkunft; er deutete nach Osten. Es traten feierlich schreitende Personen auf ihn zu, die Priester sein mußten, und mit Blumen und kostbaren Stoffen geschmückte, die er für Häuptlinge halten durfte. In melodischen Lauten sprachen sie ihn an. Er antwortete in der Zunge seiner Heimat, mit ausdrucksvollen Gesten bald zum Himmel, bald auf das Meer, bald auf seine abgerissenen Gewänder weisend. Am andern Tag wurde er in eine Stadt gebracht, deren prächtige Straßen und Märkte, Gärten, Paläste, Basteien und Treppentürme sein Staunen erweckten. Er ward vor den Thron eines jungen Fürsten oder Kaziken geleitet, der einen weiß und blauen, mit Smaragden besäten Mantel und an den Füßen goldverzierte Halbschuhe trug. Mit Freundlichkeit sah er sich von diesem begrüßt und mit kindlich anmutiger Neugier betrachtet. Was er vom Leben und Treiben des Volkes wahrnahm, gab ihm die Vorstellung gesitteter Zustände, des Reichtums und der Schönheit. Man ließ ihn verstehen, daß man ihn nicht als einen Gefangenen, sondern als einen Gast zu behandeln wünsche und führte ihn in ein neben dem Palast des Kaziken gelegenes Haus, wo er wohnen sollte.
Geronimo wußte natürlich nicht, daß er sich in dem ungeheuren Reich der Azteken befand, von dem jede Provinz, auch die, an deren Küste er Schiffbruch gelitten, ein Königreich für sich bildete, denn keines Europäers Fuß hatte vor ihm dieses Land betreten. Auch wußte er kaum, unter welchem Himmelsstrich er war, und bisweilen hatte er das Gefühl, auf einen andern Stern versetzt zu sein. Alles war ihm neu und fremd, die Luft, die er atmete und das Kleid, das sie ihm geschenkt hatten, jeder Baum und jedes Tier, jedes Auge, das auf ihm verweilte, jeder Laut, den er vernahm. Ganz zu schweigen von der tiefen Einsamkeit, der er sich preisgegeben sah, der Einsamkeit eines denkenden Menschen, so schien es ihm, unter Barbaren, zehrte die Qual an seinem Gemüt, durch unüberbrückbare Meere von der Heimat getrennt zu sein. Er umfing all das märchenhafte Leben und Weben mit der Gier des Eroberers, beschaute das Wunderland mit den Sinnen und Blicken von drüben, mit der selbstsüchtigen Genugtuung des zurückkehrenden Siegers. Für ihn allein war es nichts, ein Traum, ein Spottbild. Obschon er am Ziel war, trug ihm dies keine Früchte, und die Welt, die er gefunden, war so lang eine Chimäre, bis er seinen Landsleuten und seinem Kaiser davon Nachricht geben konnte. Er hielt sich für den rechtmäßigen Eigentümer von allem, was er ringsum sah, Volk und Fürst betrachtete er insgeheim als seine Sklaven, und das heimtückische Schicksal, im Besitz unermeßlicher Schätze tatenlos den Verlauf der köstlichen Zeit abwarten zu sollen, versetzte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich ganze Nächte lang in ohnmächtiger Wut auf seinem Lager wälzte und Gebete zum Himmel schickte, die mehr Lästerungen als fromme Worte enthielten.
Bald nahm er wahr, daß unter den Eingeborenen ein Streit über seine Person herrschte. Bei aller Freundlichkeit, die man ihm erwies, sah er sich doch ohne Unterlaß belauert, und jeder Schritt, den er tat, wurde sorgsam überwacht. Aufmerksam, wie er war, und scharfsinnig geworden durch die Not, lernte er manches von der Sprache des Volks verstehen; ein paar Jünglinge, die zu seiner Bedienung bestellt waren, erleichterten ihm dies, und eines Tages entdeckte er, daß wunderliche Dinge im Werk waren und ein Verhängnis über ihm schwebte.
Es gab nämlich bei den Mexikanern eine altüberlieferte Weissagung, derzufolge ein Sohn der Sonne, ein Gott oder Halbgott also, dereinst von Osten kommen würde, um das Reich zu unterwerfen. Nun waren bei der Ankunft Geronimos viele aus dem Stamm des Glaubens gewesen, dieser Fremdling sei die langverkündete Erscheinung. Daher hatte er in manchen Mienen eine Furcht und scheue Demut bemerkt, die ihm mehr zu denken gegeben hätten, wenn ihn sein eigenes Unglück weniger beschäftigt hätte. Nur die Priester bekämpften die Meinung über den Schiffbrüchigen mit Heftigkeit, und ihr vornehmster Gegengrund war, daß der Sonnensohn in jedem Falle glänzender und feierlicher aufgetreten wäre als dieser hilflos Verlassene. Es wurde eingewandt, dies möge eine List des Göttlichen sein, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber die Priester beharrten bei ihrer Ansicht, Geronimo sei der Angehörige eines unbekannten Volkes, von ausgezeichneter Bildung freilich und schönen Leibes, von dem man jedoch Verrat befürchten müsse, von dessen Stammesbrüdern Gefahr drohe, und sie forderten, daß der Mann geopfert und sein Herz auf dem Jaspisblock zu Ehren des Kriegsgottes verbrannt werde.
Der Fürst und seine Edlen widersetzten sich schon im Gefühl verpflichtender Gastfreundschaft dem Ratschluß ihrer Priester, und der Streit währte so lang, bis der Kazike eine Anzahl von denen, die in seinem Machtbezirk Rang und Stimme hatten, zu sich rief und folgendermaßen sprach: »Wir wollen über den Fremdling nicht mit Ungerechtigkeit richten. Ist er von göttlicher Herkunft, so muß er auch imstande sein, uns ein Zeichen seiner Göttlichkeit zu geben. Was aber, denkt ihr, zeugt am meisten für die Eigenschaften eines Gottes? Ich denke, die Kraft ist es, womit er dem gegenüber unempfindlich bleibt, was uns Menschliche alle unterwirft, die Liebe zum Weib, die Verführung der Sinne. Prüfen wir ihn; fällt er in der Versuchung, so sollen die Priester Recht behalten, bewährt er sich, so laßt ihn friedlich bei uns wohnen.«
Mit dieser Rede des sanften und klugen Fürsten erklärten sich alle einverstanden, und sie waren überzeugt, daß er sein Vorhaben aufs Verständigste ausführen würde. Geronimo, obgleich er nicht erfahren konnte, was man mit ihm anstellen wollte, ahnte wie gesagt ein Unheil und seine Schlauheit gab ihm ein, an den Kaziken ein Verlangen zu richten, um aus der Antwort irgend einen Hinweis zu erhalten. Er warf sich also dem Fürsten zu Füßen und bat in den spärlichen Worten, deren er mächtig war, ein Schiff bauen zu dürfen. Er wußte, daß dies fast unmöglich war, da die Mexikaner nicht die geringste Kunde vom Schiffsbauwesen hatten, obwohl sie mit ihren unvollkommenen Werkzeugen aus Obsidian und Feuerstein in anderer Weise wahre Wunder zu stande brachten. Aber in seiner gesteigerten Ungeduld und Pein dachte Geronimo doch bisweilen daran, mit einem, wenn auch noch so gebrechlichen Boot eine der neuspanischen Inseln zu erreichen.
»Wozu willst du ein Schiff haben, Malinche?« fragte der Fürst heiter und vertraut. Malinche war der Schmeichelname, den die Mexikaner für den düstern Fremdling erfunden hatten, und den sie späterhin, freilich oft flehend und bekümmert, den spanischen Heerführern gegenüber gebrauchten. – »Um in meine Heimat zu fahren«, antwortete Geronimo. – »Ein solches Schiff können wir nicht machen, das dich so weit trägt«, sagte der junge Herrscher. – »Befiehl nur deinen Zimmerleuten, daß sie tun, was ich sie lehre, und das Schiff wird gebaut werden«, gab Geronimo, bleich vor Erregung, zu verstehen. – »Vielleicht, wenn der Mond sich erneut«, entgegnete der Fürst rätselvoll und mit seiner mädchenhaften Liebenswürdigkeit; »heute nicht, aber vielleicht, wenn der Mond sich erneut.«