Von Helden und ihrem Widerspiel

Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den Erzähler.

»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«

Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«, antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen, sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«

»Trotzdem denk’ ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt, satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen. In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker und in Ketten schmachtete.«

»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati. »Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es Auffassung, scheint mir.«

»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«, versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß’ es mir nicht ausreden, daß die meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«

»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf Hadwiger hin.

»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«, sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit! Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde hingerichtet.«