»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den sich ausbreitenden Redeschwall.

»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft.

»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.«

Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet, und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser.

Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees, der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele beherbergt hat.«

Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf.

Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt.

Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach.


Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag, und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska; Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik, die aus dem Nachbarzimmer klingt, – es ist, wie wenn ein Namenloser sie spielte, – sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und einige weinen werden, die sie geliebt haben.