»Lassen wir doch das Los entscheiden«, meinte Hadwiger plump, ein Wort, das der Entrüstung Lambergs und der schweigenden Verachtung der beiden andern anheimfiel.

»Ganz ohne Verdienst hoffen Sie zum unumschränkten Besitzer werden zu können?« fragte Lamberg mit vernichtendem Hohn.

»Meine Möglichkeit ist nicht größer als die Ihre«, versetzte Hadwiger bestürzt. »Ohne Verdienst? was heißt das? Soll der Spiegel eine Prämie für Leistungen werden? Wir können uns aneinander nicht messen.«

»Sagen Sie das aus Anmaßung oder aus Bescheidenheit?« erkundigte sich Borsati lächelnd.

»Was denkt unsere ausgezeichnete Franziska über den Fall?« fragte Cajetan.

»Als echte Frau müßte sie den Spruch abgeben: wer mich am besten liebt, soll den Spiegel behalten«, entgegnete Borsati.

»Also ein weiblicher König Lear«, sagte Franziska sanft. »Dabei kommt die Cordelia am schlechtesten weg. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, meine lieben Freunde, so muß ich wirklich glauben, daß mein Geschenk eine Torheit war. Aber ich kenne euch, ihr seid wie die Advokaten, die sich vor Gericht mörderisch beschimpfen und dann gemütlich miteinander zum Frühstück gehn. Soll ich einen Vorschlag machen? Nun gut. Ihr habt doch so manches erlebt, so vieles gehört und gesehen, ihr habt doch immer, wenn wir zusammen geplaudert haben, allerlei Amüsantes und Merkwürdiges zu berichten gewußt. So erzählt doch! Erzählt doch Geschichten! Wir haben ja wenigstens acht oder zehn Abende vor uns, so lang werdet ihr doch bleiben, hoff ich, und wer die schönste Geschichte erzählt, oder die sonderbarste oder die menschlichste, eine, bei der wir alle fühlen, daß uns tiefer nichts ergreifen kann, der soll den Spiegel bekommen. Vielleicht liebt mich der am meisten, der die schönste Geschichte erzählt, wer weiß. Und vielleicht, eines Tages, wer weiß, vielleicht gibt es eine Geschichte, die auch mich zum Erzählen bringt –« Sie hielt inne und sah mit zuckendem Gesicht empor.

Alle schwiegen. »Ich denk’ es mir herrlich«, fuhr Franziska mit einiger Hast fort, als wolle sie ihre letzten Worte übertönen; »immer spricht eine Stimme, spricht von der Welt, von den Menschen, von Dingen, die weit weg und vergangen sind. Ich liege da und lausche, und ihr zaubert mir spannende Ereignisse vor, habt Freude daran, reizt einander, überbietet einander, – laßt euch doch nicht bitten, sagt ja! Fangt an!«

Wieder entstand ein Schweigen. »Ich halte das für ein verzweifeltes Unternehmen«, murmelte endlich Hadwiger mit der Miene eines Menschen, von dem Unmögliches gefordert wird.

»Nicht verzweifelt, aber etwas problematisch«, schränkte Borsati ein; »wer wird nicht dabei an den Spiegel denken?«