»Na ja, von dir kann man etwas lernen,« entgegnete Sylvester trocken.

Adam Hund hatte seine Arbeit vollendet. Er zog den Frisiermantel von Sylvesters Schultern, und mit liebkosend gespitzten Lippen blies er einige Härchen vom Halse weg. Sylvester trat vor den Spiegel und halb mit Spott, halb mit Befriedigung betrachtete er sein Bild. Er sah jung und gesund aus. Seine Augen glänzten. Er lächelte, um seine Zähne zu prüfen; sie hatten eine erfreuliche Weiße und Dichtigkeit. Nun vollendete er seinen Anzug und verließ trällernd das Zimmer. Wenn jetzt noch die Sonne schiene, wäre ich ein glücklicher Mensch, dachte er in einem eigentümlichen Zustand von Vergessen und Erwartung.

Er ging ins Kasino und hörte, daß an allen Tischen von dem Konzert gesprochen wurde, das Gabriele Tannhauser an diesem Abend veranstaltete. Er wurde gefragt, ob er eine Eintrittskarte habe und mußte verneinen. »Und Sie haben sie noch nicht gehört?« — »Nein.« — »Nie gehört?« — »Nie.« — »Und wollen abreisen, ohne sie gehört zu haben?« — »Was soll ich tun?« — »Es ist die letzte Gelegenheit, vielleicht auf Jahre; sie geht jetzt nach London und dann, wie es heißt, nach Amerika.« — »Wenn ich Ihnen raten darf, so zahlen Sie jeden Preis für ein Billett.« — »Man hat mir keines angeboten.« — »Lassen Sie mich dafür sorgen, ich werde mich an den Impresario wenden.«

Nach einer Stunde erwies es sich, daß auch dieser Versuch erfolglos gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden. Die allgemeine Erregung berührte ihn peinlich, zumal er auch Leute von ihr angesteckt sah, für die die Kunst nicht mehr war als etwa ein Hanswurst auf dem Marktplatz.

Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht über die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preußischen Landtag gehalten hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde durch vielfach bedingte Verhältnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie in einer Wolke des Zorns, man spürte den Willen eines geborenen Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer Werktätigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er plötzlich die Zeit empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer Gärungen inne ward wie des unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden Dumpfheit sich schämte.

Während er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungestüm zugesetzt hatten, in Begleitung eines älteren Mannes zu ihm, den er als Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank und fuhr ins Hotel zurück, um den Frack anzuziehen.

Vor dem Konzerthaus war große Auffahrt. Um acht Uhr sollte die Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums in der Eingangshalle vor den Türen festgekeilt. Endlich befanden sich alle Zuhörer auf ihren Plätzen. Der Raum war so voll, daß die Köpfe sich auf unbeweglichen Körpern zu drehen schienen. Der Lärm der Stimmen glich dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfsäge, und die Hitze stieg von Minute zu Minute. Sylvester saß in der Mitte des Saals, dessen beide Seiten glatte weiße Wände hatten; in halber Höhe der hinteren Schmalwand war eine Galerie, deren Sitze für die Mitglieder des Hofes und einige bevorzugte Würdenträger bestimmt waren.

Plötzlich erschallte eifriges Händeklatschen, dann richteten sich die Operngläser auf die Sängerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester verschränkte die Arme über der Brust, was ein Ausdruck von Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person darbrachte, für die er selbst nichts fühlte und deren Leistungen er aus Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.

Ihr Gang ist zu bedächtig, um auf Temperament schließen zu lassen, nörgelte er; dieses Allerweltslächeln, das jedem Laffen schmeicheln soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine Fähigkeit; wozu flüstert sie mit ihm? Komödie. Im übrigen ist sie gut gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem Schnitt, die Hände könnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu absichtlich eine bescheidene Führung.

Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters übellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, daß es schien, als hätten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib, als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als höre ihr Blut auf zu fließen. Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele Tannhausers herkam, von der Kraft und Fülle des Organs, von der Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer Töne, von der Leichtigkeit des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Natürlichkeit der Übergänge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgenössischen Kennern zur Genüge gepriesen worden sind, in hohem Grade besaß und dabei jene letzte Meisterschaft erst ahnen ließ, die als Versprechen noch köstlicher ist denn als Erfüllung, — es war eine in ihrem Herzen wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewußt Bewußte eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage, Tröstung und Jubel aufzublühen, es war das, was jede Brust fühlt und doch nur vom Genius verkündet werden kann, das schmerzlich Entselbstete, unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Krücke und Behelf ist.