Sie bedurfte der Menschen kaum. Sie hatte keine Freundin, keinen Freund. Allen, die sich um sie bemühten, begegnete sie mit Güte, und angeborene Liebenswürdigkeit verurteilte sie dazu, auch gegen die Aufdringlichen Geduld zu üben. In jeder Stadt waren Personen, denen sie für Dienstleistungen und Beweise der Ergebenheit verbunden war, Frauen und Männer, mit denen sie gern verkehrte und für die sie eine lebhafte Anhänglichkeit verspürte, aber in Wahrheit hätte sie sie entbehren können. Seit Sziralsky, ihr wunderbarer alter Lehrer, gestorben war, hatte sie sich an keinen Menschen mehr so innig angeschlossen, um nach seiner Nähe zu verlangen. Mit Anna Ewel, ihrer Zofe, einer Postmeisterstochter aus Gabrieles böhmischem Heimatsdorf, reiste sie umher, an keinem Ort verweilend, von Gasthof zu Gasthof, von Land zu Land, ohne Erregung, ohne sonderliche Neugier, ohne Launen und ohne zu ermüden.
Der beständige Wechsel ihres Aufenthalts verhinderte die Menschen, sich ihrer zu bemächtigen und sie mit Forderungen zu quälen, die sie nicht erfüllen konnte. Ihre anmutige, immer gleiche Freundlichkeit war wie eine Lichtflut um sie gebreitet, die es schwierig machte, sie genau zu sehen, und so wußte niemand auf der Welt, wie es eigentlich mit ihr beschaffen und welch ein merkwürdiges Kind Gottes dieses junge Geschöpf war, das mitten im Strom des Lebens und im Glanz des Ruhmes sein Glück in der Einsamkeit suchte.
Sie hatte keine Familie. Vater und Mutter waren tot, ein Bruder war vor zwei Jahren bei Königgrätz gefallen. Wenn sie ihrer Heimat gedachte, sah sie ein karges Hügelgelände, eine Straße, die in dunkle Wälder führte, einen regungslosen Teich, auf dem Gänse und Enten schwammen, gelbhäutige Kühe, arme Häuser, ein armes gedrücktes Volk, und über alldem einen blassen Himmel bei Tag und am Abend funkelnde Sterne. Schwermütige Abende, wenn aus den Schenken die Tanzmusik klang oder in einem Zigeunerlager eine Geige fiedelte, Licht um Licht in den kleinen Fenstern erlosch und der Mond wie eine glühende Glocke aus den geheimnisvollen Tiefen der Erde emporstieg. Erinnerte sie sich während des Singens daran, gewahrte sie dies Bild, das im Frühlingswerden oder in der Herbstesneige die Seele mit Frieden und Trauer erfüllt hatte, so zerflossen die vielen, ihr zugewandten Gesichter in Dunst, und nur die Augen strahlten ihr noch entgegen, fremd und fern.
Sie war nicht von der Art jener Künstlerinnen, denen ihr Auftreten zur festlichen Gefahr wird. Sie gehörte nicht zu denen, die ein Publikum schmähen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der Vorstunde und die großen Gebärden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie war ein junges Mädchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und keine Ernüchterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine Pflicht. In ihr war ein Quell, der überströmte und überströmen mußte, wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete täglich viele Stunden, doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz, aber nicht den zerstörenden und herztötenden; ihr Ehrgeiz glich dem jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in ihr; den Gang aufs Podium oder auf die Bühne trat sie mit einem für ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein Verständnis für die Ränkesucht und das würdelose Treiben mancher Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.
Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte, die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft für Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte ihnen, daß sie solchem Zweck dienen mußten. Der Gedanke an Liebe hatte nichts Befeuerndes für sie, er besaß nicht einmal die Kraft, sie zu erwärmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, höchstens in seltenen Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, daß sie über sich selbst erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so kühl, so sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte wünschen, eine Stimme zu vernehmen, die sie noch nie gehört und einen Blick zu spüren, der noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die heiß sein konnte, zu viel das Wort, das lügen konnte. Ihr war dunkel zumute, als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl empfangen, niemals Flamme zu werden für eine andere Seele. Jugend und Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal preisgegeben sein wollte.
Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von einer gleichsam nur geträumten Unruhe erfüllt war, wo ihre Augen sich groß öffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer bin ich? Was wird aus mir?
In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn getrieben, darüber herzustürzen. Da es die ersten Trauben des Jahres waren, hatte auch die Freude am Anblick der schönen Dolden, das Entzücken, sie greifen zu können, seine Gier erweckt. Er war niedergekniet, hatte jauchzend zwei Hände voll gepackt und dann das Gesicht, den Mund, die Zähne förmlich in die Trauben vergraben, so daß der ausgepreßte Saft nicht nur über den Gaumen hinab, sondern auch über das Kinn und die Kleider träufelte.
Daran mußte er manchmal während seines Pariser Aufenthaltes denken. Es war dieselbe Lust an der Fülle, dasselbe unbedachte, gefräßige Ansichreißen. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde glänzend aufgenommen und führte das Dasein eines großen Herrn. Er wußte sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, daß man sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als hätten seine besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner Fähigkeiten jetzt erst sicher und brauche nur zu wählen unter den Zaubermitteln, durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf und künstlichem Feuer in seiner Lebensführung. Was an ihm gefiel, war seine kräftige Männlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet und andere witzig macht.
Eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen hielt ihn gefangen. Die körperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen täglich spürte, besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewußtsein der Leichtigkeit und mühelosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch sie auch sein mögen.