Als er Gabriele im Wagen geküßt, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und Eroberungslust erfüllt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch Spiel gewesen wäre, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten hätte. Und nicht bloß für ihn. Gabriele war so neu, so wahr, daß jene flüchtige Berührung entscheidend für sie blieb. Sylvester erkannte es wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich beglückt, ein Beweis, daß das Zarteste in der Natur auch das Stärkste ist. Aber er ahnte nicht, daß ihre äußere Kälte eine sehnsüchtige Glut verbarg, ihre Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gefühl, ihr fliehender Blick ein für immer ergriffenes Herz.
Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, bürgerliche Feigheit mache sie zurückhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte Mädchen in allen Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine bösen und guten Träume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er hörte nur ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen gingen; er spürte nur sie, wenn Gegenstände seine Haut berührten. Jeder Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein Alpdruck. Er flüsterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie ein Verbrecher bei der Erwähnung seiner Übeltat. Die Leidenschaft erfüllte ihn von oben bis unten, ja sogar über dem Schatten lag sie, der ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, daß er in Stunden der Trauer zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und wenn er drei Wochen zurückdachte, so dünkte ihn die eigene Person von damals ein fremdes, scheintotes Ding.
Es geschah, daß er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er war bei alledem so stolz, daß er durch vergebliches Werben sich nicht erniedrigen wollte. Einmal in einer schönen Nacht trat sie in einem weißen Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war es, daß er mit überirdischem Schauer die Größe des Weltraums begriff. Er stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der Erdball hatte keine Geschöpfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.
Vergötterung ist ein schönes Wort; man muß viel von der Gottheit besitzen, um vergöttern zu können, und wenn der Vergötterte auch nicht zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele spürte dies; es schien ihr leichter zu gehen, müheloser zu atmen, aber an andern Tagen kam dann eine Lauheit über sie, eine kraftlose Schwermut; ihre Arme wurden träg, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist bedrückt, und Menschen, denen gegenüber sie sich bisher heiter und frei gegeben hatte, nahmen die Veränderung wahr. Frau von Rhynow trat eines Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: »Mein lieber Sylvester, was ist mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt um sie. Merken Sie denn nichts?« Sylvester antwortete mit einem Blick, der alles verriet. »Um Gottes willen,« begann die alte Dame zu jammern, »Sie wollen doch das Mädchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen? Das geht auf keinen Fall. Das wäre Tollheit, Schurkerei und kann nicht geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches klar. Ich beschwöre Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das Mädchen aus dem Kopf, die ist zu gut für dergleichen.« Sylvester stand am Kamin, seine großen Zähne blitzten, und er sah vor Blässe fast grau aus. »Sie können sich auch von Agathe nicht scheiden lassen,« fuhr die Rhynow eifrig fort; »es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann, daß man sich von ihnen scheiden läßt, bei Agathe nicht. Ich weiß nicht genau, warum, ich weiß nur, daß es unmöglich ist. Wer Agathe einmal gesehen hat, der weiß, daß es unmöglich ist. Und Sie wissen es auch.«
Sylvester antwortete nicht; in matter Haltung auf der Seitenlehne des Sessels sitzend, verkrampfte er die Finger ineinander. »Mein armer Freund,« sagte Frau von Rhynow, »ich verstehe alles. Wäre ich ein Mann, mir ginge es ebenso. Ich fordere nicht, daß Sie heute schon einen Entschluß fassen, aber wahren Sie Ihre Besonnenheit. Schonen Sie Gabriele.«
Die wohlmeinenden Rater nähren stets ein Feuer, das zu löschen sie gekommen sind. Nun, wo es Gefahr bedeutete und Wächteraugen zu betrügen waren, achtete Sylvester keine Schranke mehr. Er schrieb sieben Briefe an Gabriele, die er alle wieder zerriß; seine Phantasie gab dem Abenteuerlichen, dem Märchenhaften Raum, doch wenn er dann Gabriele vor sich sah, in ihrer lieblichen Unruhe, in ihrer scheuen Gespanntheit und wie sie immer wieder versuchte, sich dem finstern Element zu entziehen, dann stockte er verzweifelt und wußte keinen Weg mehr.
Er fuhr zum Rennen nach Epsom und erblickte sie auf einer Tribüne neben der Gräfin Shrewsbury. Sie hatte den Kopf zurückgewandt und sprach fröhlich mit einigen Herren, als sich ein ungewöhnlich schöner junger Mann im Reitkostüm zu der Gruppe gesellte. Sylvester kannte ihn vom Sehen, es war der Viscount Darrington, ein Jüngling von zwanzig Jahren mit einem Gesicht und einem Körper wie von Phidias gemeißelt. Sylvester stand unten im Gewühl und beobachtete jede Gebärde Gabrieles. Ihm wurde eiskalt, als sie dem jungen Menschen zulächelte, und als der Viscount, der sich am Herrenreiten beteiligte, ihre Hand beim Abschied länger als es nötig schien in der seinen behielt, legte sich ein purpurner Dunst über Sylvesters Augen. Wenige Minuten später begann das Rennen. Mit solcher Aufmerksamkeit, daß seine Lider kaum blinzelten, verfolgte Sylvester die Gestalt des jungen Edelmanns, der auf einem Grauschimmel bald unter den Vordersten über das Feld flog. Hundert Meter weiter überflügelte er den Ersten, und Sylvester war es, als sei alles für ihn verloren, wenn jener als umjubelter Sieger ans Ziel gelangte. Er wünschte nicht, er befahl, daß der Jüngling zu Fall kommen möge und in einer Art von Raserei sammelte er seine Gedanken in diesem Willen. Gleich darauf ertönte ein hundertfacher Schrei. Der Grauschimmel hatte vor dem letzten Hindernis versagt. Sylvester gewahrte wie im Schein eines Blitzes den Körper des Viscount in der Luft, dann eilten viele Menschen hinüber, um dem regungslos auf der Erde Liegenden beizustehen. Er hatte beide Arme gebrochen und aus seiner Nase rann Blut.
Das ist also möglich, fuhr es Sylvester schaudernd durch den Sinn, warum sollte es etwas Unmögliches geben? Sein schuldvoller Blick suchte Gabriele. Die Zuschauer auf den Tribünen hatten sich erhoben und plötzlich sah er, wie sich Gabriele durch die Menge drängte; hastig und beklommen trat sie zu ihm, schob ihren Arm unter den seinen und bat, er möge sie in die Stadt bringen. Kaum saßen sie im Wagen, so fing es an zu regnen und nach einer Viertelstunde Wegs wurde aus dem Regen ein Wolkenbruch. Die Pferde scheuten ein paarmal, der Kutscher mußte absteigen und sie führen.
Gabriele schaute wie geistesabwesend vor sich hin; in seiner sonderbaren Verwirrung und inneren Not glaubte Sylvester, sie denke nur an den Viscount, während ihr dies und ihr ganzes gegenwärtiges Leben nur wie Wolkenziehen vorüberging. Sie sprach aber nichts, und in ihrem Schweigen war etwas Redeverbietendes. Sylvester hatte den Kopf gesenkt und ihm schien, als ob sein Herz in einer salzigen, brennenden Lauge zersetzt würde. Weshalb ist sie mit andern liebenswürdig, ja freudig erregt, grübelte er, und mir zeigt sie ein erstorbenes, verdunkeltes Wesen? Er hätte Ehre und irdisches Heil dafür gegeben, wenn er diese Frage an sie hätte richten können und Gabriele sie beantwortet hätte. Aber es lag eine unermeßliche Entfernung zwischen ihnen. Was bedeutete jedoch der Blick, als sie ausstieg, dieser volle, tiefe, strahlende, flehende, demütige Blick? Schon war sie im Eingang des Theaters verschwunden.