Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben außerhalb des Wirklichen. In der Dämmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem Schleier war sehr bleich. Er wußte, was sie hergetrieben hatte, er begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und nun war es beschlossen für ihn, daß er nach Hause reisen und von Agathe seine Freiheit fordern müsse. Von der Stunde an war die Schwäche und traumhafte Schwermut von ihm gewichen.
Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in Kenntnis setzte. Den nächsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe zum Packen und um fünf Uhr saß er in der Eisenbahn, die ihn zur Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder bunt durcheinander.
Genau drei Tage später erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die Würzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie, während des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preußen in Brand geschossen worden war. Novembernebel hüllte die Stadt in flaumigen Dunst, und der an den Rebenhügeln hingleitende Strom war von der untergehenden Sonne blutrot gefärbt.
Die Mühe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu bewahren, die sich notwendig einstellen muß, wenn das anerkannte Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der törichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag. Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse Summe von Arbeit, Überlegungen und Entbehrungen darstellte und die persönliche Unabhängigkeit sicherte. Daran gewöhnt, zu sparen und selbst bescheidene Bedürfnisse nur zu erfüllen, wenn sie unabweisbar wurden, erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das Gespenst der Not und der Schuldbedrängnis heraufbeschworen hatte, ihren Abscheu und ihre Verachtung.
Sie überließ dem Inspektor Marquardt die Aufsicht über beide Güter, anfangs nur der Form nach, schließlich in jeder Weise, denn um tätig zu sein, brauchte sie die Überzeugung der Förderlichkeit und des sichtbaren Gelingens, hier aber konnte sie nur im Geringfügigen nützen, indes ein unersättlicher Vampir das Lebensmark aus dem Besitze sog. Daß die bezahlten Diener den Vorteil der Herrschaft nicht über ihren eigenen stellen würden, war ihr klar, und mit dem Gedanken an Untreue, Fahrlässigkeit und schlechte Führung der Geschäfte hatte sie sich längst vertraut gemacht.
Ihre Schwester Martha, die Frau des Majors, redete ihr zu, sie solle doch mit dem Kind nach Eggenberg übersiedeln, der Major würde dann Erfft und Dudsloch von seinem Vetter verwalten lassen, der ein erfahrener Ökonom sei. Agathe weigerte sich. »Ich äße bei dir und deinem Mann doch nur das Gnadenbrot,« sagte sie, »und das paßt mir nicht. Gehen die Dinge schief, so will ich wenigstens dabei sein, obschon ich nichts ändern kann; dem Verderben zusehen ist besser, als es bloß ahnen.«
Um jene Zeit wußte der Major noch nichts von Agathes Geldsorgen, erst der schwatzhafte Inspektor verschaffte ihm Aufklärung. Am folgenden Sonntag kam er und zog Agathe in ein förmliches Kreuzverhör. Sie gab nur zu, was sie nicht leugnen konnte. Sie behauptete, Sylvester sei mit ihrem Einverständnis ins Ausland gereist, sie billige seine Lebensführung und habe zu klagen keine Ursache. »Ich glaube dir nicht,« polterte der Major; »entweder bist du blind, oder du willst mich blind machen.« — »Ich wollte, ich wäre in dem Sinne blind, den du meinst,« erwiderte Agathe mit unfreiwilliger Offenheit. Der Major brauste auf. »Schön; so werde ich deinem Herrn Gemahl schreiben,« rief er, »und wenn er noch einen Funken Ehre im Leib hat, so wird er nicht im Zweifel darüber sein, was er dir und der Familie schuldet.« Da trat Agathe ganz nahe vor ihren Schwager hin, blitzte ihn mit ihren wunderbar energischen Augen drohend an und sagte hart und bestimmt: »Du wirst ihm nicht eine Zeile schreiben, Konrad. Nicht eine Zeile, verstehst du? Weder du noch Martha. Von dem Tage an, wo dies geschähe, hättet ihr mich zur Feindin und ich kennte euch nicht mehr.« Der Major senkte betroffen den Kopf, ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. Agathe aber, indem ihre Stimme tiefer und ruhiger wurde, fuhr fort: »Sylvester schuldet mir nichts und schuldet der Familie nichts. Er weiß, was er tut und tut wahrscheinlich, was er muß. Daß er kein Mensch nach dem Reglement ist, habt ihr immer gewußt, nun beweist er's, und wir müssen uns damit abfinden.« Der Major zuckte die Achseln: »Wenn du dich damit abfindest, hat niemand das Recht zur Einrede,« versetzte er, »aber es freut mich doch, daß in dem Fall wieder einmal mein altes Wort zur Wahrheit wird: ein schlechter Bürger, ein schlechter Mann. Und das, meine liebe Schwägerin, das mußt du schlucken, so eifrig du ihm auch den Anwalt machst.«
Nach ein paar Tagen erschien Martha und versuchte ihre Schwester mit List zu einem entschiedenen Schritt zu bestimmen. Agathe durchschaute sie schnell und wies sie fast verächtlich ab. In nachhaltiger Verstimmung kehrte Martha nach Hause zurück und grollte der Schwester monatelang. Der Major, viel zu gutmütig, um die Erbitterung seiner Frau zu teilen, ritt jede Woche einmal nach Erfft, brachte Silvia eine Puppe oder ein Kleidchen mit und prüfte die Rechnungen, die ihm der Inspektor vorlegte. Agathe war ihm dankbar, trotzdem sie von der Vergeblichkeit solchen Beistands durchdrungen war. Daß der Major auch ein bißchen in sie verliebt sein könne, fiel ihr nicht im Traume ein.
In der Nachbarschaft und unter den Bekannten wurde über die rätselhafte Abwesenheit Sylvesters mancherlei geredet, wie sich denken läßt. Forschenden Blicken zu begegnen, Vertraulichkeiten abzuwehren und taktlose Neugier zufriedenzustellen, hatte Agathe keine Lust; nicht bloß aus diesem Grund, sondern auch, weil ihr die Menschengesichter immer weniger gefielen, mied sie Gespräche und Zusammenkünfte und verbarg sich still in ihrem Hause. Achim Ursanner, der einzige, dessen Gesellschaft ihr bisweilen erwünscht gewesen wäre, gab selten ein Lebenszeichen, und gesehen hatte sie ihn seit ihrem Besuch in Randersacker nicht mehr. Einmal hatte er ein paar Stellen aus einem Brief Sylvesters geschickt, ein anderes Mal die Abschrift einiger kraftvoller Sätze aus der Schopenhauerschen Abhandlung: Von dem, was einer vorstellt. »Die Erde ist von einem heillosen Gezücht bevölkert,« hatte er hinzugefügt, »und was mich vor der Verzweiflung, ja vor dem Selbstmord rettet, ist einerseits die Erkenntnis, daß dieses Gezücht in unermeßlicher Geistesfinsternis begraben ist (denn wir alle, Frau Agathe, wir alle unterschätzen sehr die Macht und Souveränität der Dummheit), anderseits der Trost und Zuspruch aus den Werken der wenigen großen Männer, die in diese üble Welt versprengt sind wie Goldkörner in eine Felsenwüstenei.«