Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten Häuser von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten förmlich den aufdämmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld donnerten die Kanonen. Die Erschütterung des Luftkreises vertrieb den Nebel, dafür wallten die weißlichen Dampfmassen aus den Schlünden der Geschütze und der schwarze, wurmartig gekrümmte Rauch von den brennenden Häusern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als das Kommando: »Vorwärts! Ausschwärmen!« ertönte.
Den Degen in der Faust, marschierte Sylvester vor der Schwärmerkette über den Damm und jenseits herab. Er wunderte sich dumpf, als ein Stück Himmel über ihm herrlich blau erstrahlte. Weit drüben im Gelände erblickte er ein ameisenhaftes Gewimmel rothosiger Soldaten. Sie sahen aus wie die Mohnblumen in einem Kornfeld. Auf allen Höhen, stundenweit im Umkreis, siedete der sonnenbeleuchtete Dampf. Das Donnern, Knattern, Sausen und Zischen hatte etwas Unwirkliches wie im Traum. Verwundete wurden vorübergetragen; ihr Stöhnen und Wimmern verlor sich im allgemeinen Getöse. In einer Ackerfurche lag ein menschlicher Arm. Sylvester hatte die Empfindung, er komme nicht vom Fleck, trotzdem er und seine Leute schnell gingen. Das gespenstische Knarren einer Mitrailleuse ließ ihn neugierig herumschauen; es war wie ein tierischer Laut und durchschnitt das Herz. Der kleine Flötenspieler machte plötzlich einen Sprung und stürzte auf das Gesicht. Wie kann man nur so ungeschickt sein, dachte Sylvester und rief ihm zu, er solle aufstehen. Ein Kamerad beugte sich über ihn. »Er ist tot,« sagte er. Im selben Moment fiel auch dieser, in den Kopf getroffen, wie ein Stück Holz. Warum der und warum nicht ich? dachte Sylvester verwundert.
Dicht vor Bazeilles lag das alte Schloß Dorival. Verwitterte Amoretten blickten aus dem Gesträuch. Im Vorbeiziehen hatte Sylvester das nämliche Gefühl, das er als Knabe gehabt, wenn er zur Schule hatte gehen müssen und auf dem Weg eine Spielverlockung an ihn herangetreten war.
Da platzte zwei Schritte neben ihm eine Granate; einem Mann an seiner Seite wurde wie durch ein unsichtbares Beil der Kopf vom Rumpfe gerissen; er ging noch einen Schritt und brach zusammen wie Asche. Am Eingang des Dorfes lagen die Toten zu dreien und vieren übereinander. Der Erdboden war mit Blut begossen. In einer Rinne rann das Blut, wie sonst das Regenwasser nach dem Regen. Obwohl am Himmel die Sonne schien, war es in den Gassen düster wie am Abend. Aus allen Fenstern starrten Gewehrläufe, auch aus den Fenstern der brennenden Häuser. Aus mancher Kellerluke krachte ein halbes Dutzend Schüsse auf einmal. Jede Barrikade war mit Hunderten von Leichen gepflastert. Viele lagen mit friedlichen Gesichtern da, als ob sie schliefen, andere wieder zeigten einen Ausdruck grimmigster Qual. Immer neue Abteilungen rückten vor, frenetisch jubelnd stürmten sie in die Hauptgasse, und nach einigen Minuten waren sie hingemäht. Jedes einzelne Gebäude mußte wie eine Festung erobert werden. Aus den brennenden Räumen drang das Geschrei der Weiber und Kinder in den Höllenlärm. Von dem einstürzenden Gebälk der Dächer prasselten ununterbrochen Funken herab. Auf einer Brunnenstufe gewahrte Sylvester einen schwerverwundeten Jäger des dritten Bataillons. Dem Mann war die Hüfte zerschossen, und er schien Durst zu leiden. Sylvester gebot einem Soldaten, ihm Wasser zu reichen, aber der Verwundete bat um eine Zigarre. Der Soldat griff in die Tasche, gab ihm die Zigarre und zündete sie auch an, während um ihn her die Kugeln wie Hagelschloßen fielen. Nachdem jener die ersten Züge geraucht hatte, starb er. Sylvester ging weiter und sah seinen Premierleutnant tot auf einem Haufen anderer Toten liegen, rosigen Schaum über den Lippen.
Die dritte Kompagnie unternahm einen Sturm gegen ein Gebäude, das etwas außerhalb des Dorfes lag und von den Franzosen mit wildester Wut verteidigt wurde. Die Mauern des Hauses waren schwarz vor Alter; es hatte zwei Erker, und die Fenster waren vergittert. Jedes der beiden Stockwerke hatte sechs Fenster, an jedem Fenster standen die Soldaten enggedrängt, und die Erschossenen wurden sogleich wieder durch andere ersetzt. Die Granaten hatten das Dach eingeschlagen, aber bis jetzt hatte noch keine gezündet. Auch aus dem Sparrenwerk des Daches schossen die Feinde herab, und wie alle früheren Angriffe, wurde jetzt der Angriff der dritten Kompagnie zurückgeschlagen. »Folgt mir, Jäger!« rief Sylvester und verließ mit seinem Zug die Deckung einer Hofmauer. Die Leute waren sämtlich sehr blaß, gehorchten jedoch dem Befehl mit einem rachsüchtigen Hurrageschrei. Viele drückten die Augen zu, während sie liefen. Die vierte Kompagnie, deren Hauptmann gefallen war, vereinigte sich mit Sylvesters Abteilung. Einer um den anderen stürzte. Sylvester vernahm den süßlichen U—i-Laut, mit dem die Kugeln an seinem Ohr vorüberpfiffen. Auf einmal taumelte er und hatte ein Gefühl, als sei der linke Arm von einem fürchterlichen Keulenschlag getroffen worden. Einen Augenblick verweilend, bemerkte er, daß das Blut aus dem Rockärmel floß. Zugleich sah er mit einer Kampfesaufregung, die ihm Schwindel verursachte und ihm in einem tiefen, ganz stillen und sonderbar wachsamen Winkel seiner Seele kaum verständlich dünkte, daß seine Jäger endlich bis an die Mauer jenes Hauses vorgedrungen waren, wo die Leichen in Hügeln lagen. Sie hatten die Gewehre umgedreht und schlugen, zwanzig zu gleicher Zeit, mit den Kolben wie mit Hämmern gegen das massive Tor. Angeln und Schloß gaben nach, auch die Fassung zersplitterte, das Haus war geöffnet, und die Tapferen erstiegen die drei Stufen; mit gefällten Bajonetten stürzten sie in den Flur. Eine Salve empfing sie, mehr als dreißig verhauchten ihr Leben, doch für die übrigen war kein Aufhalten mehr. Sylvester drängte sich eben durch sie hindurch in den Flur, als er, wie zu einer Bildsäule verwandelt, stehen blieb.
Der Feldwebel der vierten Kompagnie hatte die Verteidiger aufgefordert, sich zu ergeben. Einige der französischen Soldaten hatten unwillkürlich die Gewehre gesenkt. Darauf trat ihr Leutnant vor und rief dreimal mit starker Stimme und in einem Ton von äußerster, ja unbegreiflicher Verzweiflung: »Jamais! Jamais! Jamais!« Zugleich riß er einem seiner Leute das Gewehr aus den Händen und legte es an.
Diesen Mann gewahrte Sylvester jetzt. Er gewahrte ihn während des kurzen Zeitabschnittes, in welchem sich der Offizier des Gewehrs seines Untergebenen bemächtigte und es an seine Schulter preßte. Er sah den festen, eigentümlich gelben und in seiner Gelbheit und vernunftlosen Raserei geradezu tigerhaften Blick, — da erkannte er das Gesicht noch nicht. Eine Sekunde später erkannte er es. Die Geschehnisse gingen in so rascher Folge vor sich, daß der Geist mit einer erstaunlichen Schnelligkeit auffaßte und arbeitete. Von dem Moment des Anlegens der Waffe, der auf ihn gerichteten Waffe, bis zum Abfeuern des Schusses erkannte Sylvester nicht nur dieses Gesicht, erinnerte sich nicht nur aller früheren Begegnungen mit dem Manne, alles dessen, was zwischen ihnen lag, kombinierte er nicht nur die Art des jetzigen Zusammentreffens, wunderte sich nicht nur über die schmerzliche Fügung, sondern empfand auch eine höchst gesteigerte liebende Teilnahme. Zu spät rang sich ein Schrei aus seinem Mund. »Achim!« Der Hahn des Gewehrs war schon abgedrückt. Sylvester brach in die Knie.
Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte. »Sylvester,« röchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern den Hals. Ein Unterjäger, vermeinend, daß der feindliche Leutnant seinem verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in Positur gesetzt und stieß dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten durchs Herz. Nun kamen die französischen Soldaten vom ersten Stock und vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel packte den starren Körper Sylvesters und zog ihn über die Stufen auf die Straße, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen blieb. Unterdessen stürmte die erste Jägerkompagnie unwiderstehlich an, und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.
Sylvester war nicht völlig ohne Besinnung. Er wußte, daß er verwundet, schwer verwundet war und daß er wahrscheinlich verbluten würde, wenn keine Hilfe kam. Desungeachtet fühlte er keinen Schmerz; auch Todesfurcht spürte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine Gedanken durch eine ungewöhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet. Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie immer näher an seinen Körper rückten. Zuerst glaubte er, daß er sich in Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm eine Schürze wusch und sie an der Tür einer Badehütte aufhing. Dann aber sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn eigentlich? quälte er sich. Da fiel ihm ein, daß das Gestade zwischen Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte auch die olivenumwachsenen Hänge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er hatte eine Römerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt und fütterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. »Tut nichts,« lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, »wir heißen sie Angiolina.« Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie neugierig betrachtete, sah er, daß das Sattelzeug aus zusammengesetzten Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer unvergleichlich schönen Stirn kniete neben ihm. »Bist du es wirklich, Gabriele?« fragte er leise. Sie ergriff seine Hände und während mit erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu singen. Da hatte er den herzzerreißenden Argwohn, daß sie ihn verachte, ihn zum besten halte, daß sie falsch, listig und selbstsüchtig sei. Sein Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fühlte er sich plötzlich aufgehoben und fortgetragen …
Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Kräfte wieder. Er warf sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunächst sein Schwindelgefühl, dann, von der Hoffnung beseelt, daß noch Leben in dem Körper sei, raffte er sich auf, hob den Bewußtlosen empor und nahm ihn auf seinen Rücken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die Schlacht wütete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stück Feld, das Adam mit seiner Last überqueren mußte, war so vom feindlichen Feuer bestrichen, daß die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf rückten, sich nur kriechend vorwärts bewegten, und obwohl dreimal in seiner unmittelbaren Nähe Granaten krepierten, kümmerte sich Adam darum nicht. Ein Geschoß zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei Sanitätsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verließ ihn das Bewußtsein.