Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,« fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es soll Geheimnis bleiben.«

Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild, denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht’s dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?«

Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,« log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich sehr viel.«

»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem flinken Benehmen.

Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand. Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.

Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.

Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie von den Tschechinnen gelernt hatte.

Kudy, kudy, vede cestička
Pro mého Jenička ...

Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu lieben.