»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den Tisch.

Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt, Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier, es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht ... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«

Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer, allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.

Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus, welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde, war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn warten.

Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid; die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe. Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.

Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen. In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn. Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.

Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht einmal Ihre Namen.«

»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.

Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.

»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.