Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand. Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß, es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.

Einundfünfzigstes Kapitel

Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert werden könne.

Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend, erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: »Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«

Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«

»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. Er ist ein gutmütiger Mensch.«

»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben könnte.«

Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.

»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«

Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.