»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es ist nichts, beruhige dich nur.«

»Hast du denn nicht geschlafen?«

Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert; um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«

»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten Verfassung ...«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«

Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält aus.

»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.

»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam, sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«

Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.