Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.«

Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern, die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz der Oberin zu rühren.

»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer Spitze den Raum.

Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen. Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt –!«

Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach Arnold um und wartete, bis er herankam.

Elftes Kapitel

Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab, ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn. Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne, erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden sollte, weil eine Wolke darüber zog.

Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen. Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande. Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen, denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.

Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er berichtete und Arnold las: