Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und setzte sich ebenfalls.

»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«

Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit, sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in mein Leben aufnehmen.«

Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,« entgegnete er schnell.

Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.

»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.

»Medizin.«

»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«

Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. »Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«

Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu öffnen.