Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit, die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.
Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.
Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau wie Verenas Hals und Hände.
Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, – meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.
Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«
Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch, liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wollte nach der Uhr sehen, zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen und fuhr damit um den Hals.
»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag, Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«
»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte tragen.«
Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und nicht gar zu mürbe zu erscheinen.
»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will Ihnen also das Geld geben.«