»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«
»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu naiv dazu.«
Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.
»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht, ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist für mich eher angenehm als verstimmend.«
Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die Teller.
»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen sah.«
Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?« fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich vielleicht.«
»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«
Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche Blässe hervor.
»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander halten. Das ist alles.«