Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er, als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete sich aufmerksam und lächelte zerstreut.

Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen. Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel, helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.

Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«

Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl. Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst. Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«

Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast besinnungslos.

Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon, und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten. Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle. Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.

Alexander Hanka

Zweiundvierzigstes Kapitel