Lucian trat in den Kreis, der sich öffnete, blickte abermals schweigend umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas Ordnung und Zucht durchbrechendes in der bloß vom verrollenden Donner gestörten Stille. Sie rührten von Oberlin her, der sich von seinem Platz erhoben hatte, als Lucian unter der Türe erschienen war. Während des ganzen furchterweckenden Lärms und Getümmels war er steif und stumm auf dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen Händen. Er hatte kaum recht gehört, was die Kameraden geredet, geschrien, gebrüllt; oder wenn gehört, doch das Einzelne nicht erfaßt; der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurückgetrieben, so daß er in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestürzung über den Inhalt der Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf; die jähe Ruhe verlieh ihm eine verträumte Art von Mut; das Geräusch seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse für ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich: »Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.«
Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise eine beschämende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefühl gewesen waren. Lucian nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.
»Ihr denkt doch nicht, daß ich euch loben soll? Was ihr da getrieben habt, könnt ihr euch eine ersprießliche Folge davon erhoffen? Es hat verdammte Ähnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben. Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit genug vom Schuß waren. Ihr seid sehr weit vom Schuß. Ich will euch auch keine Vorwürfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen Storchenversammlungen, wie sie gewöhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich plötzlich ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger alter würdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mühe, die aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt über ihn her und hackten ihn mit den Schnäbeln tot. Ob sie dann trotzdem glücklich nach Ägypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten, gekommen sind, weiß ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wäre also der alte lästige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie hätten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus zu machen. Exempla docent. Hier stehe ich. Rührt die Schnäbel, Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.«
Und er fuhr fort:
»Ich habe da draußen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt. Und es war mir auch fast zumut, als hört ich meine eigene Schand. Zunächst hätte ich natürlich keinen Anlaß, mich von euerm Anathema getroffen und inbegriffen zu fühlen, denn schließlich zwitschert ihr ja, wie ich gesungen habe, und das müßte mir eigentlich, werdet ihr sagen, eine gewisse Befriedigung gewähren. Aber man hat immerhin ein halbes Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehörig dünken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen läßt sich durch keine Selbstüberredung achtzehnjährig machen, und so unabänderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre Kruste, so hat auch das vorgerückte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mögen tun und reden, so viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Prozeß zu einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, daß die Stunde der Abdankung vielleicht auch für mich geschlagen hat, so darf euch das nach eurer turbulent geäußerten Gesinnung nicht groß verwundern. Ich erkläre mich also zum freiwilligen Autoritätsverzicht bereit; keine Zwischenrede, straft nicht Lügen, was euch der Geist eingegeben hat, ich erkläre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fünfundachtzig, die ihr vor mir steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, daß er eine persönliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die für vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rühmlich gelten muß, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbständiges Menschentum deutet, eine Handlung großer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns alle Förderndes, dann will ich meine Ämter und Befugnisse, die ich mir ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen angemaßt, niederlegen und mich für einen eurer unwürdigen Usurpator halten. Nun? niemand meldet sich? Was für verlegene Gesichter? Noch vor zehn Minuten habt ihr die Mauern erschüttert und den Donner überdonnert mit euerm Weltbewußtsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr könnt mir imponieren, so lang ihr bloß das Kapital verwirtschaftet, das andere für euch aufgehäuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeißen sei schon was? Könnt ihr einen Schuh verfertigen? Könnt ihr einen Tisch zimmern? Könnt ihr ein Hufeisen schmieden? Könnt ihr Honigwaben aus dem Stock schneiden? Ich behaupte nicht, das sei nötig, um Gesetze diktieren und Richter sein zu können, aber auf das Elementare muß man sich verstehen, das muß man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich, sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen habe. Als ich da draußen vor der Türe stand, fiel mirs schuldschwer auf die Seele, daß ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber gewußt und bedacht werden muß, sonst zersplittern die Schwerter am Urgestein und das Schädliche bläht sich hernach doppelt. Nichts anderes werf ich mir vor, als daß ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen möchte und glaubt, es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fühle ich mich zu dem Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorläufigen Abschied von euch zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen. Ein stellvertretendes Lehrerkollegium übernimmt die Leitung, und daß ihr diesen Entschluß billigt, darüber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,« rief er und streckte die Hände aus gegen Zudrängende, Bewegte, Bittende, »da ist nicht zu rütteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich. Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wär es ein Einziger.«
Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. »Und du,« sagte er langsam, indem er beide Hände auf Dietrichs Schultern legte, »du gehorche nur. Du sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder nicht bald, an dem kein anderer Mensch für dich da sein kann als ich. Dann mußt du mich zu finden wissen.«
Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verließ und die meisten ihm das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt, die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.