Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt. Sonst war nichts zu unterscheiden.

Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte; er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren. Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen. Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den Kopf in ihren Schoß.

Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich, über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein, so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht über ihn strömte.

Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es herausmeißeln aus dem Traum?

Die dritte Stufe

Begegnung am Ufer

Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September, Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.

Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden; plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr, die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern im nüchtern-alltäglichen Ablauf.