»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es besagen?«

»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ... haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«

Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert es für Sie?«

Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen. Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen. Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«

Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen. Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.

Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von seinem Betragen denken solle?

Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis entstanden.

Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn ergriff.

Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt, die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.

Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.