In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten, Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder! erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer Wust von Sinnlosigkeit.
Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese eine Nacht, sondern in vielen Nächten.
Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung. »Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?« fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht mich mürb, es macht mich krank.«
Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft und bittend.
Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat, legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war, weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.
Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt. Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe, für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.
Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch, ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche, kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen; stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht. Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen, weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.
Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen, erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch, sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr auch gelungen.
Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.
Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt. Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört.