Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.
Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand, die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses, nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase, aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen. Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt, wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut; sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß, dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen, Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat, so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm, unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war, der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn. Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.
Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog. Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich, ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.
Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.
Die Schläferin
Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden, die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel. Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn, nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken? Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.
Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen, wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge im psychischen Leben.
Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen, die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen. Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge Wissenschaft heute zu lösen habe.
Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu, daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube? Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse, was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt voller falscher Boten?
Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen Herr werden konnte.