Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab, berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen war es schon Tag.

»Ich komme«

Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.

Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden. In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.

Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre Hand auf seine.

Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt. Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer.

So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und Geistesrecht in sich selber.

Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war, mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten.

Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein, versprach Georg Mathys Dorine.