Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.

Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es, wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu schalten.

Die Jasager verbeugten sich tief.

Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf: beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk, Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten, wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen, halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte. Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen, sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer. Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen. Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.

Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf. Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder Piquet.

Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war, Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen.

Die Jasager lächelten entzückt.

Episode

Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube, ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet war.