Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und schoben die Finger zwischen die Knie.

Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis. Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht, so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte, mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch, mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes über dieser Stadt von Mürrischen.

So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.

Jahrmarkt

Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe, schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden, da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.

Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte, Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer, den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte, seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern, Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.

Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner, Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude, die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.

Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen, murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander: was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis, daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen, dritter Platz ein Groschen.«

Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend, und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.

Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes, sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach, abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen. Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.