Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz’ Entlassung aus dem Polizeigewahrsam.
Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern. Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern, schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig.
Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven für den andern Mittag vereinbart war.
Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd, wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war, der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt waren, – Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, – erschöpfte sich Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu, einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe. Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen; geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen, aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine, boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden, den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis. Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war, als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr Marchese damit getan habe.
Eine devote Reverenz beendigte die Rede.
Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich, dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.
»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte gezwungen.
»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«
Zwist
Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten. Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit verbreitete.