Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz’ Lippen. »Sie äußern sich mit sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft, kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften? die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer Weglosigkeit.«

»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.

Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen, ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden, alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.

Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme: »Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und spricht, und keiner weiß was.«

Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren, und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen Dichter ergriff: »Dormi, mia bella, dormi!«

Da war es schon Nacht.

Werke von Jakob Wassermann

Die Juden von Zirndorf

Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage